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Wie das Rugby nach Deutschland kam und was daraus wurde

Von englischen Schülern in Heidelberg über olympisches Silber 1900 bis zum knapp verpassten WM-Ticket 2019. Wir erzählen die Geschichte des Rugby in Deutschland mit ihren Vereinen, Hochburgen und Brüchen.

Von Lesezeit 8 Min.
Foto: KI-generierte Illustration

Rugby wird in Deutschland länger gespielt als organisierter Fußball. Ein deutscher Verein hat 1900 olympisches Silber geholt, die Nationalmannschaft hat in den 1930er Jahren Frankreich geschlagen. Trotzdem ist der Sport bis heute klein geblieben und lebt vor allem in zwei Städten. Hier erzählen wir, wie es dazu kam. Wie das Spiel in England entstanden ist, liest du in unserer Geschichte des Rugby.

Englische Schüler und Heidelberger Ruderer

Das Spiel kam mit Briten ins Land. Wohlhabende englische Familien schickten ihre Söhne im 19. Jahrhundert auf Privatschulen in Deutschland, andere studierten in Heidelberg oder lebten in Hannover, das bis 1837 in Personalunion mit Großbritannien regiert worden war.

In Heidelberg war das Neuenheimer College der Ausgangspunkt, eine Schule für englische Schüler am nördlichen Neckarufer. Nach Heidelberger Überlieferung trugen die Schüler dort schon um 1850 einen Ball über den Platz, die Einheimischen nannten das Spiel „Durchtragerles“. Sauber belegt ist diese Jahreszahl nicht. Fest steht, dass am 9. Mai 1872 der Heidelberger Ruderklub gegründet wurde und Rugby dort als Wintersport für die Ruderer begann. Der Lehrer Edward Hill Ullrich übersetzte 1891 die Regeln ins Deutsche und gilt als Gründer der Rugbyabteilung. Der HRK bezeichnet sich deshalb als ältesten Rugbyverein Deutschlands.

Hannover erhebt einen eigenen Anspruch. Am 14. September 1878 gründeten 24 junge Männer um den erst 15 Jahre alten Ferdinand-Wilhelm Fricke den Deutschen Fußball-Verein Hannover. „Fußball“ hieß damals in Hannover das Spiel nach Rugby-Regeln. Aus dem Verein wurde der heutige DSV 78, und er gilt als ältester Klub, der von Anfang an für Rugby gegründet wurde. Beide Ansprüche stimmen also, je nachdem, ob man das Gründungsjahr des Vereins oder das der Rugbyabteilung zählt.

Auch in Cannstatt bei Stuttgart wurde früh gespielt, angeblich schon in den 1860er Jahren. Um 1900 wuchs die Zahl der Vereine schnell: In Hannover entstand 1900 Germania List, in Heidelberg 1902 der FC Heidelberg-Neuenheim, der sich 1923 in SC Neuenheim umbenannte.

1900: ein Verband und eine Silbermedaille

Am 4. November 1900 gründeten Vereinsvertreter in Kassel den Deutschen Rugby-Fußball-Verband, erster Vorsitzender wurde Fricke. Am selben Tag spielten Auswahlteams aus Nord und Süd auf der Kasseler Karlsaue gegeneinander.

Wenige Wochen vorher hatte Deutschland schon bei Olympia gespielt. Bei den Spielen in Paris trat am 14. Oktober 1900 im Vélodrome de Vincennes eine Mannschaft des Frankfurter FC 1880, verstärkt um zwei Gastspieler, gegen Frankreich an und verlor 17:27. Großbritannien, vertreten durch die Moseley Wanderers, unterlag den Franzosen am 28. Oktober 8:27. Deutsche und Briten spielten nie gegeneinander, weil beide Teams nicht zwei Wochen in Paris bleiben konnten. Beide bekamen deshalb Silber. Der Verein von damals heißt heute SC 1880 Frankfurt und ist der aktuelle Serienmeister, dazu weiter unten mehr.

1909 wurde die erste deutsche Meisterschaft ausgespielt. Der FV 1897 Hannover gewann das Finale 6:3 gegen den FV 1893 Stuttgart.

Zwischen den Kriegen: Frankreich als Partner

Länderspiele gab es erst ab 1927, und dass sie zustande kamen, hatte mit Politik und mit Rugby-Politik zu tun. Die Verbände in Großbritannien und Irland mieden Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Der französische Verband wiederum geriet mit dem International Board über Profitum im eigenen Ligabetrieb in Streit. Die Annäherung zwischen Paris und Berlin nach den Verträgen von Locarno öffnete die Tür.

Das erste offizielle Länderspiel fand am 17. April 1927 im Stade de Colombes statt. Vor 25.000 Zuschauern gewann Frankreich 30:5. Vier Wochen später, am 15. Mai 1927, gewann Deutschland das Rückspiel in Frankfurt 17:16. Beim Spiel gegen Frankreich im März 1928 in Hannover sollen rund 14.000 Menschen zugesehen haben, eine Zahl, die bei einem Rugby-Länderspiel in Deutschland bis heute nicht übertroffen wurde.

1931 schloss das International Board Frankreich aus dem Five-Nations-Turnier aus. Ab da brauchten die Franzosen Gegner auf dem Kontinent, und Deutschland wurde zum wichtigsten. Der Heidelberger Verleger Hermann Meister, seit 1931 Verbandspräsident, trieb gemeinsam mit den Franzosen einen eigenen europäischen Verband voran. 1934 entstand die FIRA, der Vorläufer von Rugby Europe, mit Deutschland als Gründungsmitglied.

Zwischen 1927 und 1938 trafen beide Nationalmannschaften 15 Mal offiziell aufeinander. Deutschland gewann zweimal: 1927 in Frankfurt und am 27. März 1938, wieder in Frankfurt, mit 3:0. Die anderen Spiele gingen an Frankreich, einige davon knapp. Für ein Land, in dem Rugby nie über den Status einer Randsportart hinauskam, galt die Mannschaft der späten 1930er Jahre als zweitstärkste in Kontinentaleuropa.

NS-Zeit und Krieg

1934 ging der Verband im Zuge der Gleichschaltung im Deutschen Reichsbund für Leibesübungen auf, Rugby landete im „Fachamt Fußball, Rugby, Kricket“. Meister blieb an der Spitze, nun als Verbandsführer. Das Regime nutzte den Sport vor den Olympischen Spielen 1936 als Aushängeschild, und der Spielverkehr mit Frankreich lief weiter. Im Mai 1936 richtete Berlin ein FIRA-Turnier aus. Deutschland erreichte das Finale und verlor gegen Frankreich. Das Interesse des Publikums war gering, Verbandschef Meister klagte selbst über die leeren Ränge.

Der Zweite Weltkrieg beendete den Spielbetrieb. Viele Nationalspieler der späten 1930er Jahre kamen nicht zurück, und von diesem Verlust hat sich das deutsche Rugby auf internationalem Niveau nie ganz erholt.

Nach 1945: zwei Staaten, zwei Hochburgen

Die Meisterschaft lief 1948 wieder an, am 14. Mai 1950 wurde der Deutsche Rugby-Verband (DRV) neu gegründet. Die westdeutsche Nationalmannschaft bestritt ihr erstes Nachkriegsländerspiel am 2. März 1952 in Hannover und gewann 16:9 gegen Belgien. In der DDR entstanden ein eigener Verband und ab 1951 eine eigene Nationalmannschaft. Die beiden deutschen Teams haben nie gegeneinander gespielt. Mehr dazu in unserer Geschichte des Rugby in Ostdeutschland.

Im Westen gehörte die Meisterschaft über Jahrzehnte Hannover und Heidelberg. Rekordmeister ist der TSV Victoria Linden mit 20 Titeln, sechs davon in Folge von 1951 bis 1956. Der DSV 78 holte 1964 mit einem 11:0 gegen den FC St. Pauli seinen ersten Titel, Germania List wurde zwischen 1968 und 1980 dreimal Meister, und der DRC Hannover gewann bis 2002 fünf Titel nacheinander. Bis 2006 stand in jedem Endspiel eine Mannschaft aus Hannover. Auf Heidelberger Seite sammelten der HRK, der SC Neuenheim und die RG Heidelberg ihre Titel.

Dass es gerade diese zwei Städte waren, hat aus unserer Sicht einen einfachen Grund. Dort gab es die ältesten Vereine, und weil viele Klubs nah beieinander lagen, fanden schon Jugendliche jedes Wochenende Gegner, ohne weit reisen zu müssen. In einem Amateursport ohne Geld ist das ein großer Vorteil, und er wirkt bis heute.

1962 kam der DRV-Pokal hinzu, 1971 die Rugby-Bundesliga als oberste Spielklasse.

Die Wiedervereinigung

Mit der Einheit 1990 endete die Trennung auch im Rugby. Der Verband der DDR löste sich im November 1990 auf, seine Vereine traten dem DRV bei. Im selben Jahr führte der DRV eine 2. Bundesliga ein. Die neuen Mitglieder kamen vor allem aus Sachsen und Brandenburg.

Die Nationalmannschaft: nah dran und wieder zurück

Seit 1988 ist der DRV Mitglied im International Rugby Football Board, dem heutigen World Rugby. Sportlich pendelte die Nationalmannschaft lange zwischen der zweiten und dritten Reihe Europas. 2008 stieg sie in die oberste Division des European Nations Cup auf, verlor dort alle zehn Spiele und stieg sofort wieder ab.

In den 2010er Jahren wurde sie deutlich stärker. Ein wichtiger Grund war Geld von außen: Der Unternehmer Hans-Peter Wild finanzierte über die Wild Rugby Academy in Heidelberg professionelle Trainingsbedingungen für Nationalspieler. Die Hintergründe und den späteren Bruch mit dem Verband beschreiben wir in einem eigenen Text über Hans-Peter Wild und das deutsche Rugby. Am 11. Februar 2017 schlug Deutschland in Offenbach Rumänien 41:38, einen der etablierten Gegner der Rugby Europe Championship. Die Zusammenfassung des Spiels zeigt World Rugby auf YouTube. Noch 2017 zerbrach die Zusammenarbeit zwischen Verband und Wild, danach trat die Nationalmannschaft zeitweise mit einem geschwächten Kader an.

Dass die Chance auf die WM 2019 trotzdem kam, lag an anderen. Am 15. Mai 2018 zog World Rugby Rumänien, Spanien und Belgien Punkte ab, weil sie nicht spielberechtigte Spieler eingesetzt hatten. Deutschland rückte nach, gewann im Juni 2018 16:13 gegen Portugal und traf in einem Hin- und Rückspiel auf Samoa. In Apia verlor das Team am 30. Juni 15:66, in Heidelberg am 14. Juli 28:42. Der letzte WM-Platz wurde im November 2018 bei einem Repechage-Turnier in Marseille vergeben. Deutschland schlug Hongkong 26:9 und Kenia 43:6, verlor aber am 17. November 10:29 gegen Kanada. Kanada fuhr nach Japan, Deutschland wurde Zweiter. Näher war eine deutsche Männermannschaft einer Weltmeisterschaft nie.

Danach ging es abwärts. Am 15. Juni 2019 verlor Deutschland das Relegationsspiel gegen Portugal und stieg in die Rugby Europe Trophy ab. Das Team kämpfte sich zurück in die Championship, verpasste aber auch die Qualifikation für die WM 2027. Am 7. März 2026 stand nach einem 25:35 gegen die Schweiz in Yverdon-les-Bains der erneute Abstieg in die Trophy fest.

Siebener und Frauen

Neben dem 15er-Spiel hat sich das Siebener-Rugby einen festen Platz erarbeitet. Seit 1996 gibt es deutsche Meisterschaften im 7er, und die Männer- und Frauen-Nationalteams spielen in der europäischen Serie von Rugby Europe. Wie das Format funktioniert, erklären wir in Was ist 7er-Rugby. Auch die Frauen spielen ihre eigene Bundesliga, mit dem SC Neuenheim und dem HRK als traditionell starken Klubs. Ihre Geschichte erzählen wir in der Geschichte des Frauenrugby.

Wo das deutsche Rugby heute steht

Der Verband sitzt in Hannover und tritt heute unter der Marke Rugby Deutschland auf. 2025 wurde er 125 Jahre alt. Laut Bestandserhebung des Deutschen Olympischen Sportbunds hatte er zum 1. Januar 2025 genau 17.308 Mitglieder in 127 Vereinen und Abteilungen, gut 7 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. 2014 hatte der Verband noch von rund 14.000 Mitgliedern in 125 Vereinen gesprochen.

In der Bundesliga hat sich die Landkarte verschoben. Seit 2019 ging jeder ausgespielte Meistertitel an den SC 1880 Frankfurt, also an den Verein, der 1900 in Paris Silber holte. Im Juni 2026 gewann er in Hannover vor rund 3.000 Zuschauern 35:10 gegen den SC Neuenheim, sein sechster Titel in Folge. Die Finalgegner kamen in diesen Jahren immer aus Heidelberg, abwechselnd der SC Neuenheim und der TSV Handschuhsheim. Eine Mannschaft aus Hannover stand seit 2019 in keinem Endspiel.

Wenn du nach dieser Geschichte selbst anfangen willst, findest du über die Vereinssuche auf rugbydeutschland.org einen Klub in deiner Nähe. Die Grundlagen des Spiels erklären wir in Rugby-Regeln einfach erklärt und in Was ist 15er-Rugby.

Quellen

  1. apropos [Perspektiven auf die Romania], Universität Hamburg · Franz Kuhn: Zwischen „Locarno“ und „splendid isolation“. Deutsch-französische Rugby-Beziehungen in der Zwischenkriegszeit (1927-1938) ↗
  2. Olympedia · Rugby at the 1900 Summer Olympics ↗
  3. Wikipedia · Rugby union at the 1900 Summer Olympics ↗
  4. Heidelberger Ruderklub 1872 · Erfolg aus Tradition (Vereinsbroschüre 2019) ↗
  5. Wikipedia · DSV 78 Hannover ↗
  6. Wikipedia · Rugby union in Germany ↗
  7. Wikipedia · Deutsche Rugby-Union-Nationalmannschaft ↗
  8. Sport1 · Rugby: Deutschland profitiert von Punktabzügen der Konkurrenz ↗
  9. Wikipedia · 2019 Rugby World Cup – play-off qualifications ↗
  10. ran.de · Rugby: Deutschland steigt nach Pleite gegen die Schweiz in die Europe Trophy ab ↗
  11. Deutscher Olympischer Sportbund · Bestandserhebung 2025 ↗
  12. hessenschau · Wieder Rugby-Meister: SC Frankfurt 1880 wackelt kurz, aber triumphiert dann doch ↗

Dieser Text wurde mit Hilfe von KI erstellt.

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