Wie Dr. Hans-Peter Wild das deutsche Rugby professioneller machte
Mit dem Geld des Capri-Sun-Unternehmers trainierten deutsche Nationalspieler in Heidelberg erstmals als Profis. 2018 fehlte nur noch ein Turnier bis zur ersten Weltmeisterschaft.

Wer in den 2010er-Jahren Länderspiele der deutschen 15er-Nationalmannschaft in Heidelberg besucht hat, kennt die Capri-Sun-Werbung rund um den Platz. Dahinter stand Hans-Peter Wild, Inhaber des Getränkeherstellers und über ein Jahrzehnt der größte private Förderer des Rugbys in Deutschland. Mit seinem Geld trainierten Nationalspieler in Heidelberg als Vollprofis, kamen erfahrene Trainer aus dem Ausland in die Kurpfalz, und 2018 fehlte Deutschland nur noch ein Turnier bis zur ersten Weltmeisterschaft.
Ein Unternehmer aus der Kurpfalz
Hans-Peter Wild wurde 1941 geboren und stammt aus der Gegend um Heidelberg. Sein Vater Rudolf Wild hatte 1931 in Heidelberg eine Firma für Lebensmittelzutaten gegründet, die wenige Jahre später ins benachbarte Eppelheim zog. 1969 brachte das Unternehmen den Fruchtsaft im Standbeutel unter dem Namen Capri-Sonne auf den Markt. Der Sohn studierte Jura, promovierte und stieg Mitte der 1970er-Jahre in den Familienbetrieb ein. Unter seiner Führung wurde aus dem Beutelgetränk eine Weltmarke, 1979 machte er Boxweltmeister Muhammad Ali zum Werbegesicht. Die Aromensparte Wild Flavors verkaufte er 2014 gemeinsam mit dem Finanzinvestor KKR an den US-Konzern ADM, Capri-Sun behielt er. Wild lebt seit Jahren in der Schweiz und ist seit 2015 Schweizer Staatsbürger. Die Universität Heidelberg ernannte ihn bereits 1996 zum Ehrensenator.
Die Wild Rugby Academy
Heidelberg gehört zu den ältesten Rugby-Standorten Deutschlands, mehr dazu in unserer Geschichte des Rugby in Deutschland. Genau dort gründete Wild im Oktober 2007 die Wild Rugby Academy, eine Stiftung zur Förderung des Rugbysports. Sie sollte deutsche Spieler so gut ausbilden, dass sich die Nationalmannschaft eines Tages für eine Weltmeisterschaft qualifiziert. Im Februar 2009 lief mit Christopher Liebig der erste Spieler aus der Akademie für Deutschland auf, im Spiel gegen Portugal.
Wild bezahlte, was im deutschen Rugby bis dahin fehlte. Spieler bekamen Verträge und konnten tagsüber trainieren statt nach Feierabend. Aus Südafrika kam Kobus Potgieter nach Heidelberg. Er war bei der Akademie angestellt und übernahm 2013 die Nationalmannschaft als Bundestrainer. Dazu stießen Spieler, die im Ausland geboren waren und über ihre Wurzeln oder ihren Wohnsitz für Deutschland spielberechtigt wurden. Zu ihnen gehörten der in Australien geborene Gedrängehalb Sean Armstrong und der in Südafrika geborene Verbinder Raynor Parkinson. Wie viel Geld insgesamt floss, hat Wild nie im Detail offengelegt. Die taz schrieb 2017 von mindestens 10 Millionen Euro allein für die Akademie und 2018 von rund 20 Millionen Euro für das deutsche Rugby in zehn Jahren.
Der erste Profiteur war der Heidelberger Ruderklub. Mit den Akademiespielern im Kader wurde der HRK 2010 erstmals seit 1986 wieder Deutscher Meister. Es folgten fünf weitere Titel in Serie bis 2015 und zwei weitere 2017 und 2018. In der Saison 2017/18 setzte sich der Klub im European Continental Shield in der K.-o.-Runde durch und qualifizierte sich damit als erster deutscher Verein für den europäischen Challenge Cup. Das Finale im Mai 2018 verlor der HRK 20:24 gegen Enisei-STM aus Russland.
Was auf dem Platz möglich wurde
Für die Nationalmannschaft hieß die Förderung vor allem, dass ein Kern von Spielern das ganze Jahr zusammen trainierte. Das zahlte sich gegen Gegner aus, die vorher außer Reichweite lagen. Am 11. Februar 2017 empfing Deutschland in Offenbach Rumänien, ein Jahr zuvor hatte Rumänien noch 61:7 gewonnen. Zur Pause lag Deutschland 20:24 zurück, später sogar 20:38. Dann drehte die Mannschaft von Kobus Potgieter das Spiel, Flügel Marcel Coetzee legte kurz vor Schluss den Versuch zum 41:38. Parkinson verwandelte alle fünf Erhöhungen. Die Zusammenfassung des Spiels zeigt World Rugby auf YouTube. Es war der erste deutsche Sieg gegen Rumänien seit 1972, Kapitän Armstrong sprach danach von einem historischen Sieg.
Dieser Sieg zählte zur WM-Qualifikation für Japan 2019, die über die Rugby Europe Championship 2017 und 2018 lief. Die Championship 2018 bestritt Deutschland allerdings ohne die Akademiespieler (mehr dazu unten) und verlor alle fünf Spiele deutlich, darunter 6:85 in Rumänien und 10:84 in Spanien. Dass es trotzdem weiterging, lag an den anderen: Weil Spanien, Rumänien und Belgien im Mai 2018 Punkte für den Einsatz nicht spielberechtigter Spieler abgezogen bekamen, rückte Deutschland in der europäischen Wertung auf Platz 2 hinter Russland. Für die entscheidenden Spiele standen die Akademiespieler wieder zur Verfügung. Am 16. Juni 2018 schlug die Auswahl, inzwischen trainiert vom Uruguayer Pablo Lemoine, in Heidelberg Portugal mit 16:13. Parkinson traf dabei drei Straftritte. Gegen Samoa ging es danach um das direkte WM-Ticket. Nach dem 15:66 in Apia führte Deutschland im Rückspiel in Heidelberg zur Pause und lag eine Viertelstunde vor Schluss noch 28:21 vorn, bevor Samoa mit drei späten Versuchen zum 42:28 davonzog.
Blieb das Hoffnungsturnier im November 2018 in Marseille, die letzte Chance auf die WM. Für dieses Turnier übernahm der Engländer Mike Ford, früher Cheftrainer in Bath und Toulon, die Mannschaft. Kobus Potgieter kam als Director of Rugby zurück. Deutschland schlug zum Auftakt Hongkong 26:9 und verlor dann das Schlüsselspiel gegen Kanada 10:29. Zum Abschluss gewann die Auswahl noch 43:6 gegen Kenia, doch Kanada schlug am selben Abend Hongkong und fuhr nach Japan. Deutschland wurde Zweiter. Eine Weltmeisterschaft hat die deutsche 15er-Auswahl bis heute nicht erreicht, doch näher dran als 2018 war sie nie.
Der Bruch mit dem Verband
Parallel zu diesen Spielen zerbrach die Zusammenarbeit zwischen Wild und dem Deutschen Rugby-Verband (DRV). Im Kern ging es darum, wer die 15er-Nationalmannschaft vermarktet. Der DRV wollte das über eine eigene Gesellschaft tun, Wilds Seite wollte die Vermarktung selbst übernehmen und kritisierte fehlende professionelle Strukturen im Verband. Dazu kam, dass Fördergelder des Bundes nur in das olympische 7er-Rugby flossen, nicht in die 15er. Im November 2017 traten die Vertragsspieler gegen Chile nicht an, der Verband stellte eine Ersatzauswahl vor allem aus 7er-Spielern auf, die in Offenbach 10:32 verlor. Im Januar 2018 löste der DRV Potgieter als Bundestrainer ab und holte Pablo Lemoine. Im Februar 2018 trat DRV-Präsident Klaus Blank zurück, im Juli 2018 wählte der Verband mit Robin Stalker eine neue Spitze.
Im Juni 2018 kam ein zweiter Konflikt hinzu. Der europäische Klubverband EPCR ließ den Heidelberger RK nicht zum Challenge Cup zu, weil Wild inzwischen auch Stade Français kontrollierte und die Regeln verbieten, dass ein Geldgeber zwei Klubs im selben Wettbewerb beeinflussen kann. Im selben Monat kündigte Wild an, seine Förderung zu beenden. Die laufenden Verträge der Akademie erfüllte er trotzdem, Nationalspieler wie Armstrong waren laut taz noch bis Ende November 2018 bei der Akademie angestellt. Auch die Kampagne von Marseille trug Wild zur Hälfte mit. Danach schloss die Wild Rugby Academy.
Stade Français: das zweite Rugby-Projekt
Im Frühjahr 2017 stand Stade Français vor einer ungewissen Zukunft. Im März war die geplante Fusion mit dem Pariser Stadtrivalen Racing 92 nach Protesten der Spieler abgesagt worden, Präsident Thomas Savare suchte einen Käufer. Im Mai 2017 entschied er sich für Wild und nannte als Grund dessen langjähriges Engagement im deutschen Rugby. Seitdem gehört Wild der Pariser Traditionsklub, inzwischen ist er auch Präsident. Stade Français spielt weiter in der Top 14, für die Saison 2026/27 gibt der Klub sein Budget mit 38,5 Millionen Euro an.
Was bleibt
Ohne Wilds Geld verlor die Nationalmannschaft einen großen Teil ihres Profikaders. 2019 stieg Deutschland nach einem 32:37 im Relegationsspiel gegen Portugal aus der Rugby Europe Championship ab. Auch daran lässt sich ablesen, wie viel die Förderung zuvor ausgemacht hatte.
Geblieben ist trotzdem einiges. Eine Generation von Spielern hat in Heidelberg erlebt, wie professionelles Training aussieht. Der Sieg gegen Rumänien und das Hoffnungsturnier von Marseille zeigen bis heute, was eine deutsche Auswahl erreichen kann, wenn Spieler unter Profibedingungen zusammen trainieren. Und Heidelberg ist mit acht Meistertiteln des HRK zwischen 2010 und 2018 die Rugby-Stadt dieses Jahrzehnts geblieben. Wer Wilds zweites Projekt verfolgen will, findet Stade Français in der Top 14, mehr zum Spiel mit 15 Spielern erklären wir in Was ist 15er-Rugby.
Quellen
- Wikipedia · Hans-Peter Wild ↗
- Universität Mannheim · Sponsor's portrait: Dr. Hans-Peter Wild ↗
- taz · Streik im deutschen Rugby: Streit ums Ei ↗
- taz · Traum vom Tausendfüßler ↗
- Rhein-Neckar-Zeitung · Deutscher Rugby-Verband: Präsident tritt wegen Rufschädigung und persönlicher Bedrohung zurück ↗
- RugbyPass · A billionaire, the awful 'unknown' and a battle for a sport's very survival ↗
- The42 · EPCR blocks Heidelberger RK from Challenge Cup ↗
- Sport1 · Rugby-WM-Qualifikation: Deutschland schlägt Rumänien ↗
- Wikipedia · 2019 Rugby World Cup – play-off qualifications ↗
- RugbyPass · Mike Ford's return to international rugby confirmed ↗
- Sud Radio · Stade Français: Hans-Peter Wild devrait être le repreneur ↗
- Wikipedia · Heidelberger RK ↗
- Wikipedia · Wild Rugby Academy ↗
- Wikipedia · Deutsche Rugby-Union-Nationalmannschaft ↗
- Wikipedia · 2017–18 European Rugby Continental Shield ↗
- Wikipedia · Liste der Test Matches der rumänischen Rugby-Union-Nationalmannschaft ↗
- The Namibian (AFP) · Germany claim historic shock win over Romania ↗
- Wikipedia · 2018 Rugby Europe Championship ↗
- World Rugby · Germany beat Portugal in Heidelberg ↗
- Fox Sports (AP) · Germany beats Portugal to line up Samoa in RWC qualifying ↗
- Rugby World · Win over Germany in Heidelberg gives Samoa a place in Pool A at Japan 2019 ↗
- The Rugby Paper · Healy heads new coaching team for Germany after axe falls on Potgieter ↗
- Wikipedia · Stade Français ↗
- RugbyPass · Stade Français: la saison 2026-2027 en Top 14 ↗
Dieser Text wurde mit Hilfe von KI erstellt.

