Wie aus dem Spiel einer englischen Schule ein Weltsport wurde
Von den Fastnachtsspielen englischer Dörfer über die Regeln von 1845 und die Spaltung von 1895 bis zur ersten Weltmeisterschaft 1987. Und warum die Geschichte von William Webb Ellis eine Legende ist.

Wenn du am Wochenende bei einem Bundesligaspiel in Heidelberg oder Hannover am Zaun stehst, schaust du einem Spiel zu, dessen erste Regeln Schüler einer englischen Kleinstadt aufgeschrieben haben. Von dort bis zu einer Weltmeisterschaft mit 24 Mannschaften hat es knapp 180 Jahre gedauert. Unterwegs hat sich der Sport gespalten, ist mit Lehrern und Kaufleuten um die Welt gereist und hat sich erst 1995 vom Amateurideal verabschiedet.
Bevor es Regeln gab
Ballspiele zwischen ganzen Dörfern gab es in England schon im Mittelalter. Gespielt wurde meist an Fastnacht oder Ostern, mit Hunderten Beteiligten, ohne feste Spielerzahl und ohne Spielfeldgrenzen. Ziel war, den Ball zu einem verabredeten Punkt zu bringen, mit Händen und Füßen und mit viel Körpereinsatz. In Wales hieß eine solche Variante Cnapan, in Cornwall gab es das Hurling. Im derbyshireschen Ashbourne wird ein solches Fastnachtsspiel bis heute ausgetragen.
Im 19. Jahrhundert übernahmen die englischen Internate diese Tradition. Jede Schule spielte nach eigenen Gewohnheiten. In manchen durfte man den Ball nur treten, in anderen auch fangen und tragen. Eine dieser Schulen stand in der Stadt Rugby in den Midlands, und ihr Name ist am Ende am Sport hängen geblieben.
Die Legende von William Webb Ellis
Die bekannteste Erzählung zur Entstehung des Rugby spielt im Jahr 1823. Ein Schüler namens William Webb Ellis soll bei einem Spiel in Rugby den Ball gefangen haben und damit losgerannt sein, statt ihn zu treten. Nach ihm ist heute der Pokal der Weltmeisterschaft benannt, der Webb Ellis Cup.
Historisch belegt ist davon wenig. Die Geschichte taucht zum ersten Mal 1876 auf, über 50 Jahre nach dem angeblichen Ereignis und vier Jahre nach Ellis' Tod. Der Altschüler und Heimatforscher Matthew Bloxam schrieb damals an die Schulzeitung „The Meteor“, er hatte die Episode aber nicht selbst gesehen und berief sich auf eine Person, die er nicht nannte. Ellis selbst konnte nicht mehr gefragt werden. Er war 1872 im südfranzösischen Menton gestorben, wo sein Grab bis heute steht.
1895 nahm sich die Old Rugbeian Society, die Vereinigung der Ehemaligen, der Frage an. Ihr Ausschuss schrieb über ein Dutzend frühere Schüler an, darunter Zeitgenossen von Ellis. Keiner erinnerte sich an die Szene. Mehrere gaben an, dass Laufen mit dem Ball in den 1820er Jahren und noch bis in die 1830er hinein verboten gewesen sei. Trotzdem schrieb der 1897 veröffentlichte Bericht die Neuerung „aller Wahrscheinlichkeit nach“ Ellis zu. Das World Rugby Museum in Twickenham spricht heute offen von einem Mythos. Wahrscheinlicher ist, dass sich das Tragen des Balls über Jahre in den Schulspielen durchgesetzt hat, ohne einen einzelnen Erfinder.
1845, 1871 und das erste Länderspiel
Fest steht dagegen ein anderes Datum. Im August 1845 genehmigte die Schule 37 Regeln, die drei Schüler auf Bitten des Schulkapitäns zusammengestellt hatten. Sie gelten als die ersten gedruckten Regeln für eine Spielart des Fußballs überhaupt. Abseits, Vorball und der freie Fang tauchen darin schon auf.
Als Schulabgänger das Spiel an Universitäten und in neue Vereine trugen, wurde der Streit um einheitliche Regeln drängender. 1863 gründete sich in London die Football Association. Der Klub Blackheath verließ die Gespräche, weil die neuen Regeln das Treten gegen die Schienbeine, das sogenannte Hacking, verboten. Ab hier gingen der Fußball und das Rugby getrennte Wege.
Am 26. Januar 1871 trafen sich Vertreter von 21 Klubs und Schulen im Pall Mall Restaurant in London und gründeten die Rugby Football Union (RFU). Kurz zuvor hatten schottische Spieler England per Zeitungsbrief zu einem Vergleich herausgefordert. Am 27. März 1871 standen sich in Edinburgh auf dem Platz an der Raeburn Place je 20 Spieler gegenüber, vor rund 4.000 Zuschauern. Schottland gewann mit einem Tor und einem Versuch gegen einen englischen Versuch. Punkte gab es damals für einen Versuch noch nicht, er berechtigte nur zum Torschuss. Es war das erste Rugby-Länderspiel der Welt.
Der Bruch von 1895
Im Norden Englands war Rugby in den 1880er Jahren ein Sport der Arbeiter. In Yorkshire und Lancashire spielten Bergleute und Fabrikarbeiter, die samstags arbeiten mussten. Wer für ein Spiel freinahm, verlor einen Teil seines Lohns. Die Klubs wollten diesen Ausfall erstatten dürfen, das sogenannte Broken Time Payment. Die RFU, in der die Klubs aus London und dem Süden den Ton angaben, lehnte das ab. Bezahlung jeder Art verstieß aus ihrer Sicht gegen das Amateurprinzip.
Am 29. August 1895 trafen sich deshalb Vertreter von gut 20 nordenglischen Klubs im George Hotel in Huddersfield und gründeten die Northern Rugby Football Union. Sie erlaubten eine Entschädigung von bis zu sechs Shilling pro Spieltag. Aus dieser Abspaltung ist Rugby League entstanden. 1906 reduzierte die Northern Union die Mannschaften auf 13 Spieler und ersetzte das Gedränge nach jedem Tackle durch das Play-the-ball, bei dem der gestoppte Spieler den Ball mit dem Fuß nach hinten gibt. Seit 1922 heißt der Verband Rugby Football League. Wenn in diesem Text von Rugby die Rede ist, geht es um die andere Linie, Rugby Union, also das 15er-Rugby und seine Siebener-Variante.
Wie Rugby um die Welt kam
Das Spiel reiste mit dem britischen Empire. In Kapstadt spielten Schüler schon in den 1860er Jahren Formen des Fußballs mit Hand, 1889 entstand in Kimberley der südafrikanische Verband. In Australien gehört der Sydney University Football Club zu den ältesten Rugbyklubs, auch wenn sein Gründungsjahr 1863 unter Historikern umstritten ist. In Neuseeland brachte Charles Monro das Spiel von seiner Schulzeit in England mit nach Nelson, wo am 14. Mai 1870 das erste offizielle Spiel stattfand. Neuere Funde aus Whanganui deuten allerdings darauf hin, dass dort schon 1869 nach Rugbyregeln gespielt wurde.
Nach Frankreich kam Rugby über englische Kaufleute. In Le Havre gründeten sie 1872 einen Klub, in Paris folgten Racing Club und Stade Français, die 1892 die erste französische Meisterschaft ausspielten. Schiedsrichter war Pierre de Coubertin, der spätere Begründer der modernen Olympischen Spiele.
In Europa wuchs parallel ein festes Turnier. Ab 1883 spielten England, Schottland, Irland und Wales die Home Nations Championship aus. 1910 kam Frankreich dazu, das Turnier wurde zu den Five Nations. 1931 schlossen die Briten Frankreich wegen des Vorwurfs versteckter Spielerbezahlung aus, erst 1947 kehrten die Franzosen zurück. Mit Italien wurde im Jahr 2000 daraus die Six Nations.
Schon 1886 hatten Schottland, Irland und Wales nach einem umstrittenen Versuch in einem Länderspiel gegen England das International Rugby Football Board gegründet, um Streitfälle über Regeln zu klären. England trat 1890 bei. Neuseeland, Südafrika und Australien wurden erst 1949 Mitglied, Frankreich 1978.
Olympia, viermal und dann 92 Jahre Pause
Rugby war bei den Spielen 1900, 1908, 1920 und 1924 olympisch. In Paris 1900 trat für Deutschland eine Mannschaft des Frankfurter FC an und verlor gegen die französische Auswahl 17:27. Das reichte für eine Medaille, weil nur drei Teams teilnahmen. 1908 in London gewann eine Auswahl aus Australien und Neuseeland. 1920 und 1924 siegten überraschend die USA, zuletzt 17:3 gegen Frankreich vor rund 50.000 Zuschauern in Colombes. Danach verschwand Rugby aus dem Programm.
Zurück kam es in kürzerer Form. Im Oktober 2009 stimmte das IOC mit 81 zu 8 Stimmen für 7er-Rugby ab 2016. In Rio holten die Männer aus Fidschi die erste olympische Medaille ihres Landes überhaupt, bei den Frauen gewann Australien.
Weltmeisterschaft und Profitum
Eine Weltmeisterschaft im 15er-Rugby gab es erst 1987. Neuseeland und Australien richteten sie gemeinsam aus, 16 Mannschaften spielten ohne Qualifikation, Südafrika fehlte wegen des Sportboykotts gegen die Apartheid. Im Finale in Auckland schlug Neuseeland Frankreich 29:9.
Die WM machte Rugby zum Fernsehprodukt, und das Amateurprinzip ließ sich bald nicht mehr halten. 1995 unterschrieben Australien, Neuseeland und Südafrika einen Zehnjahresvertrag über 550 Millionen US-Dollar mit Rupert Murdochs News Corporation. Gleichzeitig warb eine von Kerry Packer finanzierte Konkurrenzliga Hunderte Spieler an. Ende August 1995 tagte das Board in Paris. Sein Vorsitzender Vernon Pugh warnte laut World Rugby, das Spiel werde in kurzer Zeit offen professionell sein, ob man es fördere oder nicht. Am 26. August erklärte das Board Rugby Union zum „offenen Spiel“. Hundert Jahre nach Huddersfield durften Spieler legal bezahlt werden.
Rugby heute
1998 nannte sich das Board International Rugby Board, seit 2014 heißt es World Rugby. Mit Benin kam im September 2025 der 134. Mitgliedsverband dazu. Die Weltmeisterschaft gewannen bisher Südafrika (vier Titel), Neuseeland (drei), Australien (zwei) und England (einer). Das Turnier 2027 in Australien wird das erste mit 24 Mannschaften. Die Frauen spielen ihre eigene WM seit 1991, mehr dazu in unserer Geschichte des Frauenrugby.
Deutschland war von Anfang an dabei, wenn auch am Rand. Im selben Jahr wie die Olympia-Medaille von Frankfurt, 1900, gründete sich in Kassel der Deutsche Rugby-Fußball-Verband, der Vorläufer des heutigen Deutschen Rugby-Verbands. Wie es von dort über Heidelberg und Hannover bis zur heutigen Bundesliga weiterging, erzählen wir in der Geschichte des Rugby in Deutschland. Wer erst einmal verstehen will, was auf dem Platz passiert, findet die Rugby-Regeln einfach erklärt.
Quellen
- World Rugby Museum · William Webb Ellis and the origins of rugby: a new perspective ↗
- World Rugby · History of World Rugby ↗
- World Rugby · How rugby union turned professional ↗
- World Rugby · History of rugby in the Olympics ↗
- Six Nations Rugby · History ↗
- Wikipedia · History of rugby union ↗
- Wikipedia · 1871 Scotland versus England rugby union match ↗
- Rugby Football League · How rugby rules became rugby league rules ↗
- NZHistory (Manatū Taonga) · First game of rugby played in NZ ↗
- Wikipedia · 1987 Rugby World Cup ↗
- Wikipedia · Rugby Football Union ↗
Dieser Text wurde mit Hilfe von KI erstellt.


