VorpassPodcast
InternationalKI-unterstützt

Rugby und das Empire: wer spielen durfte und wer bis heute entscheidet

Rugby reiste mit dem britischen Empire um die Welt. Wer spielen durfte, entschieden oft die Kolonialherren, und im Weltverband sitzen bis heute vor allem die alten Verbände am Tisch.

Von Lesezeit 7 Min.
Foto: KI-generierte Illustration

Zehn Weltmeisterschaften im Rugby hat es bisher gegeben, und alle Titel gingen an vier Länder: Südafrika, Neuseeland, Australien und England. Drei davon waren britische Kolonien, das vierte ist das Mutterland. Das ist kein Zufall. Rugby reiste im 19. Jahrhundert mit dem britischen Empire um die Welt, und wo es Wurzeln schlug, entschied oft nicht die Begeisterung für das Spiel, sondern wer in der Kolonie das Sagen hatte. Wie das Spiel überhaupt entstand, erzählen wir in der Geschichte des Rugby. Hier geht es um die Frage danach: Wer durfte spielen, wer blieb draußen, und was davon prägt das Rugby bis heute?

Ein Spiel für Offiziere, Schüler und Siedler

Rugby war ein Spiel der englischen Public Schools, und deren Absolventen gingen als Offiziere, Beamte, Lehrer und Kaufleute in die Kolonien. Sie gründeten Klubs, Schulen und Verbände nach dem Vorbild der Heimat. Der Historiker Tony Collins beschreibt in seinem Buch „The Oval World“ von 2015, wie aus dem Spiel einer Schule der Wintersport des Empire wurde. Gespielt wurde zuerst unter Briten. Ob und wann die einheimische Bevölkerung dazukam, hing vom Ort ab.

Wo es nicht blieb: Calcutta

Wie schnell das Spiel wieder verschwinden konnte, zeigt Indien. Nach einem Spiel am Weihnachtstag 1872 gründeten britische Spieler im Januar 1873 den Calcutta Football Club. Er hatte 137 Mitglieder und trat 1874 der englischen Rugby Football Union bei. Wenige Jahre später war er am Ende: Mitglieder wurden im ganzen Land versetzt oder kehrten nach Hause zurück, und Polo, das besser zum Klima passte, zog die Sportler ab. Ende der 1870er Jahre löste sich der Klub auf.

Aus dem Restvermögen ließen die Mitglieder 270 Silberrupien einschmelzen und daraus einen Pokal fertigen, mit drei Kobras als Henkeln und einem Elefanten auf dem Deckel. Sie schenkten ihn 1878 der Rugby Football Union. Seit 1879 spielen England und Schottland um diesen Calcutta Cup, die älteste Trophäe des internationalen Rugby. Ausgerechnet ein Pokal aus Indien erinnert also an einen Ort, an dem das Rugby der Kolonialherren nicht heimisch wurde.

Neuseeland: das Native Team und die Touren ohne Māori

In Neuseeland spielten Māori von Beginn an mit. Zwischen Juni 1888 und August 1889 reiste ein privat organisiertes New Zealand Native Team durch Neuseeland, Australien, Großbritannien und Irland. Joe Warbrick stellte es zusammen, einen nationalen Verband gab es noch nicht, die New Zealand Rugby Football Union entstand erst 1892. Die 26 Spieler waren überwiegend Māori. Sie bestritten 107 Spiele, gewannen 78, spielten sechsmal unentschieden und verloren 23. Das Nationalmuseum Te Papa wertet die Tour als Beleg dafür, dass Neuseeländer, Māori eingeschlossen, gegen die Vertreter ihrer Kolonisatoren auf Augenhöhe bestehen konnten.

Später zählte etwas anderes mehr als Leistung: die Rücksicht auf Südafrika. Für die Touren dorthin 1928, 1949 und 1960 nominierte der neuseeländische Verband keine Māori, weil Südafrika keine schwarzen Spieler auf seinem Rasen wollte. 1928 blieb deshalb George Nēpia zu Hause, einer der besten Fullbacks seiner Zeit. Vor der Tour 1960 sammelte eine Bürgerbewegung unter dem Motto „No Maoris – No Tour“ mehr als 150.000 Unterschriften, die All Blacks reisten trotzdem. 1970 durften Māori und mit Bryan Williams ein Spieler samoanischer Herkunft mitfahren, Südafrika führte sie als „Ehrenweiße“. Erst 2010 entschuldigten sich die Verbände beider Länder offiziell für die Touren ohne Māori.

Den Bruch erlebte Neuseeland 1981, als die Springboks zu einer Tour mit 17 Spielen kamen. Das Land war gespalten. Am 25. Juli 1981 durchbrachen rund 350 Demonstrierende in Hamilton den Zaun, das Spiel gegen Waikato wurde abgesagt. Beim letzten Test in Auckland warfen Gegner der Tour aus einem Kleinflugzeug Mehlbomben aufs Feld. In den 56 Tagen der Tour gab es über 200 Proteste und etwa 1.500 Festnahmen.

Südafrika: ein Spiel, getrennt nach Hautfarbe

Das erste belegte Rugbyspiel in Südafrika fand am 23. August 1862 in Kapstadt statt. 1889 entstand der South African Rugby Board, nur für Weiße. Rugby wurde zum Kern weißer, vor allem afrikaanser Identität. Gespielt wurde es aber von Anfang an auch in den schwarzen und farbigen Gemeinden: 1897 gründete sich in Kimberley der South African Coloured Rugby Football Board, der grundsätzlich allen offenstand. Mit den Apartheidgesetzen der frühen 1950er Jahre wurde die Trennung zum Gesetz.

Errol Tobias war 1981 der erste nicht-weiße Springbok, er bestritt sechs Tests. Wegen des internationalen Sportboykotts fehlte Südafrika bei den Weltmeisterschaften 1987 und 1991. 1992 schlossen sich die getrennten Verbände zur South African Rugby Football Union zusammen, und das Land kehrte zurück. Bei der Heim-WM 1995 gewann Südafrika das Finale gegen Neuseeland 15:12 nach Verlängerung, Nelson Mandela übergab den Pokal im Trikot mit der Nummer 6 an Kapitän François Pienaar. Bis zum ersten schwarzen Kapitän eines Springbok-Tests dauerte es noch bis 2018: Siya Kolisi führte das Team am 9. Juni gegen England aufs Feld, Südafrika gewann 42:39. Ein Jahr später hob er den WM-Pokal in Yokohama in die Höhe.

Der Pazifik: von der Kaserne zum Spielermarkt

Nach Fidschi kam Rugby 1884, gespielt von europäischen und fidschianischen Soldaten der kolonialen Polizeitruppe in Ba. Auch dort begann der Verband getrennt: 1913 gründete sich die Fiji Rugby Football Union für europäische Siedler, 1915 folgte ein eigener Verband für die einheimischen Spieler. In Samoa führten die Maristenbrüder das Spiel um 1920 ein, Tongas Verband entstand 1923, das Spiel verbreitete sich dort über die Schulen der Missionare. Am 18. August 1924 trafen Samoa und Fidschi im ersten Länderspiel der Region aufeinander.

Heute sind die Inseln die Talentschmiede des Rugby. Nach Schätzungen haben rund 20 Prozent aller Profis Wurzeln im Pazifik. Viele von ihnen spielen für Neuseeland, Australien, England oder Frankreich, wo das Geld und die Verträge sind. Ein offizielles Register dafür gibt es nicht. Zwei Regeländerungen sollen helfen: Seit 2022 darf ein Spieler nach 36 Monaten Pause einmal die Nation wechseln, wenn er selbst, ein Elternteil oder ein Großelternteil im neuen Land geboren ist. Davon profitieren vor allem Tonga und Samoa, die so erfahrene Spieler zurückgewinnen. Im selben Jahr kamen mit den Fijian Drua und Moana Pasifika zwei Teams aus dem Pazifik in die Super Rugby Pacific. Moana Pasifika ist 2027 nicht mehr dabei: Im Juni 2026 bestätigte New Zealand Rugby das Aus, nachdem der Geldgeber ausgestiegen war und Rettungsgespräche gescheitert waren.

Den größten Moment hatte Fidschi 2016: Bei den Olympischen Spielen in Rio gewann das 7er-Team im Finale gegen Großbritannien 43:7. Es war die erste olympische Medaille des Landes überhaupt, nach 60 Jahren Teilnahme.

Rugby ohne Kolonie

Nicht überall kam Rugby mit Kolonialherren. In Argentinien brachte es die britische Gemeinde mit, die Bahnen, Banken und Handel betrieb. 1873 spielten in Buenos Aires 24 Engländer das erste Spiel, 1899 gründeten fünf Klubs den River Plate Rugby Union, aus dem 1951 die Unión Argentina de Rugby wurde. Historiker sprechen hier von einem informellen Empire: britischer Einfluss ohne britische Herrschaft. Heute gehören die Pumas zur Weltspitze.

In Japan führten 1899 Edward Bramwell Clarke, in Yokohama geboren, und Tanaka Ginnosuke das Spiel an der Keio-Universität ein. Beide hatten in Cambridge studiert. Aus dem Unisport wurde ein Firmen- und Schulsport, und 2019 richtete Japan als erstes Land Asiens die Weltmeisterschaft aus.

Georgien zeigt einen dritten Weg. Rugby kam erst 1959 über den französisch-armenischen Trainer Jacques Haspekian nach Tiflis. Es traf auf eine eigene Tradition: Lelo burti, ein Volksspiel aus Gurien mit einem schweren Ball und beliebig vielen Spielern, das schon im Epos „Der Recke im Tigerfell“ aus dem 12. Jahrhundert vorkommt. Im georgischen Rugby heißt der Versuch „Lelo“, und die Nationalmannschaft trägt den Namen als Spitznamen.

Wer heute entscheidet

Die alten Strukturen leben in der Organisation des Weltverbands weiter. 1886 gründeten Schottland, Irland und Wales das International Rugby Football Board, England kam 1890 dazu. Neuseeland, Südafrika und Australien wurden erst 1949 Mitglied, Frankreich 1978. Aus dem Board wurde World Rugby. Im Council, dem höchsten Gremium, haben die acht Gründungsmitglieder, also die vier britischen und irischen Verbände, Frankreich, Australien, Neuseeland und Südafrika, je drei Stimmen. Argentinien, Italien und Japan kamen später auf ebenfalls drei. Viele andere Verbände haben eine Stimme oder gar keinen eigenen Sitz. Tonga zum Beispiel ist nicht im Council vertreten, obwohl es seit Jahrzehnten Spieler für die halbe Welt ausbildet. Die übrigen Länder sprechen über ihre Regionalverbände mit, die je zwei Stimmen haben. Auch die Reformen seit 2016 haben an dieser Gewichtung im Kern nichts geändert.

Für Deutschland heißt das: Der Deutsche Rugby-Verband redet über Rugby Europe mit, zusammen mit Dutzenden anderen Verbänden. Wer in den Spielplan der großen Nationen kommt, wo Turniere stattfinden und wie das Geld verteilt wird, entscheiden zum großen Teil die Verbände, die schon zur Zeit des Empire am Tisch saßen. Wie das deutsche Rugby seinen eigenen Weg ging, steht in der Geschichte des Rugby in Deutschland.

Quellen

  1. ESPN · Siya Kolisi ready to lead South Africa ↗
  2. Canberra Times · Pacific's brawn drain is world rugby's gain ↗
  3. Daily Maverick · Players now eligible for a second country (2021) ↗
  4. eNCA · Moana Pasifika axed from Super Rugby ↗
  5. World Rugby Museum · Tanaka and Clarke: from Cambridge to Japan ↗
  6. Sport24 · World Rugby voting reforms (2015) ↗
  7. De Montfort University · Tony Collins: The Oval World ↗
  8. World Rugby Museum · In 1877 the RFU were sent a letter (Calcutta Cup) ↗
  9. Scottish Rugby · The history of the Calcutta Cup ↗
  10. Te Papa · New Zealand Native football team 1888–89 ↗
  11. Lincoln University · All Blacks, all white: South African tours ↗
  12. NZHistory · Game cancelled in Hamilton (1981) ↗
  13. Mail & Guardian · South Africa, New Zealand in apartheid rugby apology (2010) ↗
  14. South African History Online · Timeline: history of rugby in South Africa ↗

Dieser Text wurde mit Hilfe von KI erstellt.

International →