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Die Geschichte des Rugby in Ostdeutschland und der DDR

Stahl Hennigsdorf holte 27 DDR-Meistertitel, im ganzen Land spielten 1988 gut 1.200 Aktive. Wir erzählen, wie Rugby in den Osten kam, warum es in der DDR klein blieb und was nach 1990 aus den Klubs wurde.

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Foto: KI-generierte Illustration

Wer in Deutschland an Rugbyhochburgen denkt, landet schnell in Heidelberg, Hannover oder Frankfurt. Der erfolgreichste Klub in der Geschichte des ostdeutschen Rugbys spielt dagegen in einer Industriestadt mit gut 30.000 Einwohnern nordwestlich von Berlin: Stahl Hennigsdorf hat 27 DDR-Meistertitel gewonnen. Wie es dazu kam, warum der Sport in der DDR klein blieb und was nach 1990 aus den Vereinen wurde, erzählen wir hier. Die gesamtdeutsche Vorgeschichte findest du in unserem Text zur Geschichte des Rugby in Deutschland.

Berlin und Leipzig vor 1945

Rugby kam im späten 19. Jahrhundert über englische Kontakte nach Deutschland, und neben Hannover und dem Südwesten fasste es früh in Berlin und Leipzig Fuß. Ab 1921 spielten Vereine aus beiden Städten eine gemeinsame regionale Meisterschaft aus. Am 26. Juli 1924 gründeten sie den Brandenburgisch-Mitteldeutschen Rugbyverband. 1930 ging der wieder auseinander: Die Berliner organisierten sich im Brandenburgischen Rugby-Fußball-Verband, aus dem der heutige Berliner Landesverband hervorging, die Leipziger im Mitteldeutschen Verband für Sachsen.

Im Osten wurde damals ordentliches Rugby gespielt, um die deutsche Meisterschaft spielten aber andere. Die Titel bis 1939 gingen nach Hannover, Frankfurt und Heidelberg. In Berlin holte Tennis Borussia von 1931 bis 1934 viermal in Folge die Brandenburger Meisterschaft, 1936 wechselte die gesamte Rugbyabteilung zum Berliner SV 1892. In Leipzig gewann der SC Thalysia 1936 die sächsische Meisterschaft.

Ein Spieler des BSV 92 wird für die Geschichte im Osten wichtig. Erwin Thiesies, 1908 in Berlin geboren und von Beruf Schneider, bestritt zwischen 1934 und 1940 14 Länderspiele für Deutschland.

Ein Schneider bringt Rugby nach Hennigsdorf

Im Krieg verlor Thiesies seine Berliner Wohnung bei einem Bombenangriff. Er zog mit seiner Frau zu Verwandten nach Hennigsdorf, wo das Stahlwerk die Stadt prägte. 1948 sammelte er dort Schuljungen um sich und brachte ihnen das Spiel bei. Die Mannschaft schloss sich der neu entstehenden Betriebssportgemeinschaft (BSG) Stahl an. Das Werk stellte Thiesies als hauptamtlichen Trainer ein. Über seine alten Kontakte organisierte er Spiele gegen Berliner Teams und gegen Mannschaften aus Hannover.

Von Hennigsdorf aus verbreitete sich der Sport in die Orte der Umgebung. In der Oberhavel-Region entstanden Mannschaften in Leegebruch, Velten und Oranienburg. Dazu kamen Teams in Potsdam, Brandenburg an der Havel, Ost-Berlin und Leipzig.

Ein eigener Verband und eine eigene Liga

Im Herbst 1950 wurde Rugby in der DDR als Sektion im Fußballverband organisiert. 1951 bestritt eine DDR-Auswahl in Bukarest gegen Rumänien ihr erstes Länderspiel und verlor 26:64. Die erste DDR-Meisterschaft mit sechs Mannschaften lief von März bis Juni 1952, ab 1953 gab es eine Oberliga und einen Pokalwettbewerb. Den eigenständigen Deutschen Rugby-Sportverband der DDR (DRSV) datiert Wikipedia auf den 20. April 1958 in Ost-Berlin, die Chronik des Deutschen Rugby-Verbands nennt 1952. Am längsten führte Gert Scharn den Verband, von 1972 bis 1990.

Hennigsdorf gewann die ersten beiden Meisterschaften 1952 und 1953. Danach war Leipzig am Zug. Die Mannschaft der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) holte zwischen 1954 und 1961 fünf Titel, der Armeesportklub Vorwärts Berlin gewann 1956 und 1958. Ab 1962 gewann Hennigsdorf zehn Titel in Folge bis 1971. Nur 1972 schob sich mit Stahl Leegebruch ausgerechnet der Nachbar dazwischen. Ende der 1970er-Jahre unterbrach Lokomotive Leipzig-Wahren die Serie mit vier Meisterschaften. Von 1981 bis 1990 folgten dann wieder zehn Hennigsdorfer Titel hintereinander, inzwischen unter Wolfgang Götsch, der 1977 Thiesies als Cheftrainer abgelöst hatte. Götsch hatte selbst 20 Länderspiele für die DDR bestritten.

Ein Sport ohne Medaillen

Wie klein Rugby in der DDR war, zeigt das Statistische Jahrbuch von 1990. Für 1988 weist es 1.213 aktive Rugbyspieler im Deutschen Turn- und Sportbund aus, betreut von 103 Übungsleitern. Im Fußball waren es im selben Jahr gut 575.000.

Dass der Sport nicht wuchs, hat einen politischen Grund. Am 8. April 1969 beschloss das Politbüro der SED den sogenannten Leistungssportbeschluss. Er lenkte Geld, Trainer und Plätze an Sportschulen in olympische Sportarten, die pro eingesetzter Mark möglichst viele Medaillen versprachen. Nichtolympische Sportarten verloren ihre Förderung im Spitzensport, und ihr Sportverkehr mit dem Ausland wurde eingeschränkt. Rugby war damals nicht olympisch und gehörte damit zu den Sportarten ohne Spitzenförderung. Gespielt wurde in Betriebssportgemeinschaften, neben der Arbeit. Fred Trzensimiech, in den 1980er-Jahren Nationalspieler und Maurer, sagte 2007 dem Tagesspiegel: „Rugby habe ich vorher am Feierabend gespielt und jetzt immer noch.“

Die Nationalmannschaft

Die DDR-Auswahl bestritt bis 1990 je nach Zählung 81 oder 86 Länderspiele und gewann 22 davon. Ihre Gegner kamen fast nur aus dem Ostblock: Bulgarien, die Tschechoslowakei, Rumänien, Polen und die Sowjetunion. Westliche Gegner waren die Ausnahme. Gegen Schweden spielte die DDR dreimal und feierte dort ihren höchsten Sieg, ein 28:0 am 16. August 1964 in Malmö. Im selben Jahr setzten sich nach Erinnerung von Götsch bei einer Reise nach Schweden drei Spieler in den Westen ab. Danach wurden Westkontakte noch seltener.

Gegen die stärksten Ostblockteams hatte die Auswahl wenig Chancen, und Trzensimiech nannte dem Tagesspiegel den Grund: „Die Russen und vor allem die Rumänen haben ja unter Profibedingungen trainiert, da kamen wir nicht ran.“ Thiesies war von 1951 bis 1972 Nationaltrainer. Insgesamt trugen 239 Spieler das Trikot der DDR, 104 davon kamen aus Hennigsdorf. Rekordnationalspieler sind Gerhard Schubert aus Leipzig und Ralf Stieg mit je 41 Einsätzen. Das letzte Spiel fand am 15. September 1990 in Luxemburg statt und ging 9:17 verloren, knapp drei Wochen vor der Wiedervereinigung.

Wende und Neuanfang im DRV

Nach der Einheit löste sich der DRSV Ende 1990 auf. Die Landesverbände Sachsen und Brandenburg traten mit 17 Vereinen dem Deutschen Rugby-Verband bei, und die Bundesliga wurde neu gegliedert. Hennigsdorf spielte 1991/92 in der Bundesliga Nord-Ost und stieg nach einer Saison wieder ab.

In Hennigsdorf zogen einige Spieler in den Westen. Götsch ging in den Vorruhestand und trainierte die Mannschaft ehrenamtlich weiter, bis er 1998 aus gesundheitlichen Gründen aufhörte. Thiesies starb 1993 in Hennigsdorf. Der Verein hielt sich lange als Zweitligist, verzichtete dreimal aus Geldmangel auf den Aufstieg und scheiterte im Jahr 2000 beim vierten Anlauf in der Bundesliga. 2006 konnte Hennigsdorf zum ersten Mal überhaupt keine Mannschaft melden. Ein Jahr später begann das Team in einer Spielgemeinschaft mit Hohen Neudorf neu in der untersten Liga.

Was heute bleibt

Die DDR-Vereine leben in neuen Namen weiter. Aus der 1967 gegründeten Rugbyabteilung der BSG Post Berlin, 1989 und 1990 Vizemeister, wurde 2003 der eigenständige RK 03 Berlin. Der Klub spielte über viele Jahre in der Bundesliga und hat ein Frauenteam, das in der Regionalliga Ost fünfmal in Folge Meister wurde. In Potsdam entstand 1963 an der Pädagogischen Hochschule eine Rugbyabteilung, die später zu Dynamo Potsdam ging. Studierende gründeten 1988 die RG 88 Potsdam, seit 1997 spielt sie als USV Potsdam im Universitätssportverein.

In Leipzig wechselten die Rugbyspieler 1994 zum TSV 1893 Leipzig-Wahren, 2004 entstand der RC Leipzig. Beide Klubs aus Leipzig und Potsdam stiegen 2012 in die Bundesliga auf, als der DRV die Liga von 10 auf 24 Teams erweiterte. Der Rugby-Verband Sachsen wurde 1990 in Leipzig gegründet, in Dresden gibt es seit 2000 den RV Dresden. Auch Stahl Hennigsdorf spielt weiter Rugby, fast 80 Jahre nachdem Thiesies dort die ersten Schuljungen zusammengeholt hat.

Wer tiefer einsteigen will, findet im Buch „Rugby in der DDR“ von Henric Lewkowitz Interviews mit Zeitzeugen wie Gert Scharn und Gerhard Schubert. Wie das Spiel überhaupt entstanden ist, erklärt unser Text zur Geschichte des Rugby, und was im 15er-Rugby auf dem Platz passiert, liest du in Was ist 15er-Rugby.

Dieser Text wurde mit Hilfe von KI erstellt.

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