Wolfgang Götsch und die zehn Hennigsdorfer Meistertitel in Folge
700 Spiele für Stahl Hennigsdorf, 20 Länderspiele für die DDR, dann 21 Jahre Cheftrainer. Wolfgang Götsch holte von 1981 bis 1990 jeden DDR-Titel und trainierte nach der Wende ohne Gehalt weiter.

Von 1981 bis 1990 gewann die BSG Stahl Hennigsdorf jede DDR-Meisterschaft im Rugby. Es waren zehn Titel hintereinander, und der letzte fiel 1990, im letzten Jahr, in dem es diesen Wettbewerb überhaupt gab. Der Trainer dieser Serie kam aus dem eigenen Verein. Wolfgang Götsch hatte rund 700 Spiele im Trikot von Stahl bestritten und 20 Länderspiele für die DDR. 1977 übernahm er die Mannschaft von Erwin Thiesies, der das Rugby 1948 nach Hennigsdorf gebracht hatte. Dessen Geschichte erzählen wir in unserem Porträt von Erwin Thiesies, den größeren Rahmen in der Geschichte des Rugby in Ostdeutschland. Hier geht es um den Nachfolger, der die Serie der Achtziger verantwortete und nach der Wende weitermachte, als es dafür kein Geld mehr gab.
Ein Spieler aus der eigenen Schule
Götsch stand schon in den frühen Jahren des Hennigsdorfer Rugby auf dem Platz, als Thiesies die Mannschaft trainierte. Als ihn der Tagesspiegel im September 2007 für eine Reportage über das Hennigsdorfer Rugby traf, war er 71 Jahre alt. Er wurde also Mitte der Dreißigerjahre geboren, ein genaues Datum haben wir in keiner öffentlichen Quelle gefunden. Über seine Jahre als Spieler ist wenig im Detail dokumentiert, etwa auf welcher Position er spielte oder wann er debütierte. Die beiden Zahlen, die überliefert sind, sagen trotzdem viel. 700 Spiele für einen einzigen Verein bedeuten in einer Sportart mit wenigen Partien pro Saison eine Laufbahn über viele Jahre. Und mit 20 Länderspielen gehörte er zu den 104 Hennigsdorfern, die für die DDR-Auswahl aufliefen. Insgesamt trugen 239 Spieler dieses Trikot, fast jeder zweite kam also aus der Stahlstadt an der Havel.
Götsch hat die Jahre unter Thiesies selbst erlebt und davon erzählt. Dem Tagesspiegel berichtete er, dass manchmal sogar eine Delegation nach Frankreich reisen durfte. Und er erinnerte an den Bruch von 1964: „1964 fuhr die Nationalmannschaft nach Schweden, aber da setzten sich drei Spieler ab.“ Nach dem Turnier in Malmö wurden Reisen in den Westen für die DDR-Rugbyspieler deutlich schwieriger. Was das für Thiesies bedeutete, steht in seinem Porträt.
Vier Jahre Zweiter, dann zehn Jahre Meister
Als Götsch 1977 Cheftrainer wurde, war Hennigsdorf nicht mehr unangefochten. 1977 holte Lok Leipzig-Wahren den Titel, Stahl wurde mit der ersten Mannschaft Zweiter und mit der zweiten Dritter. Die Leipziger blieben vorn, auch 1978 und 1979, jedes Mal mit Hennigsdorf auf Platz zwei. 1980 lagen beide Teams punktgleich, und ein Entscheidungsspiel musste her. Am 14. Juni 1980 trafen sie sich in Lützen, Lok gewann nach der Statistik von sport-record.de deutlich mit 42:3.
Im Pokal sah es in diesen Jahren schon anders aus. Stahl gewann den Pokal des DDR-Rugbyverbands 1978 und 1979, im Finale 1979 in Falkensee mit 17:4 gegen Dynamo Potsdam. Rückblicke auf die Vereinsgeschichte beschreiben die Jahre ohne Meistertitel als Phase, in der Götsch die Mannschaft verjüngte. Die Ergebnisse ab 1981 sprechen dafür, dass dieser Umbau trug.
1981 holte Hennigsdorf den Titel zurück und gab ihn bis zum Ende der DDR nicht mehr ab. Wie groß der Abstand zur Konkurrenz zeitweise war, zeigt die Tabelle. 1985 und 1986 wurde die zweite Mannschaft von Stahl Vizemeister, hinter der eigenen ersten. 1983 und 1990 landete die Reserve auf Platz drei. Ein Verein, der zwei der besten drei Teams des Landes stellt, hat in der Breite gearbeitet, im Nachwuchs und bei den Spielern, die nicht in der ersten Reihe standen.
Ein Grund dafür lag in der Struktur. Das Stahl- und Walzwerk trug als Betrieb den Sport, und Götsch konnte das Training als Hauptaufgabe betreiben, wie sein späterer Satz über das Ehrenamt zeigt. Die Spieler wuchsen im Verein auf. Fred Trzensimiech, ehemaliger DDR-Nationalspieler und 1990 beim Double dabei, erzählte dem Tagesspiegel, er habe mit acht Jahren mit dem Rugby angefangen.
Auch im Pokal dominierte Stahl. Laut der Statistik von sport-record.de gewann Hennigsdorf den Pokal in jedem Jahr von 1981 bis 1988, oft mit hohen Ergebnissen, 1986 mit 34:6 gegen Post Berlin, 1987 mit 35:0 gegen Dynamo Potsdam. Den Abschluss bildete das Jahr 1990. Am 10. Juni gewann Stahl in Oranienburg das Pokalfinale mit 36:0 gegen Lok Leipzig-Wahren, dazu kam der zehnte Meistertitel in Folge. Es war das letzte Double im Rugby der DDR.
Ehrenamtlich durch die Neunziger
Mit der Wiedervereinigung fiel die Grundlage weg, auf der dieser Erfolg gestanden hatte. Das Stahlwerk zog sich als Träger zurück, 1991 wurde aus der Betriebssportgemeinschaft der eingetragene Verein SV Stahl Hennigsdorf 1948. Einige Spieler gingen in den Westen, andere in den Vorruhestand. Götsch gehörte zu den Zweiten, und er blieb. „Da konnte ich mit dem gleichen Zeitaufwand als Cheftrainer arbeiten, nur eben ehrenamtlich“, sagte er dem Tagesspiegel.
Sportlich wurden die Jahre härter. Hennigsdorf spielte 1991 in der Bundesliga, stieg aber nach einer Saison ab und fand sich 1992 in der 2. Bundesliga wieder. Nach Angaben des Tagesspiegels hielt sich die Mannschaft danach in der zweiten Liga und verzichtete dreimal aus finanziellen Gründen auf einen möglichen Aufstieg. Erst 2000 ging sie wieder hoch und stieg sofort wieder ab. Götsch führte die Mannschaft durch diese Zeit, bis er 1998 aus gesundheitlichen Gründen aufhörte. Insgesamt war er 21 Jahre lang Cheftrainer, 13 davon in der DDR und 8 im wiedervereinten Deutschland.
Was von ihm bleibt
Von den 27 DDR-Meistertiteln, die Hennigsdorf zum Rekordmeister des Ostens machen, gehen zehn auf Götsch zurück. Ohne seine Serie stünde der Verein bei 17 Titeln, alle aus der Zeit von Thiesies. Die letzte DDR-Meisterschaft überhaupt gewann eine Mannschaft von Götsch, ebenso das letzte Double. Dazu kommen in seiner Amtszeit mindestens neun Pokalsiege.
Seine längste Wirkung hat aber das Ehrenamt. Götsch hielt den Spielbetrieb in Hennigsdorf über die Neunzigerjahre zusammen, nachdem Werk, Gehalt und ein Teil der Spieler weg waren. Das Hennigsdorfer Rugby gibt es bis heute. Die Männer spielen als SG Oberhavel in der Regionalliga Ost, der Platz liegt an der Berliner Straße. Am 24. Juni 2028 will der Verein 80 Jahre Rugby in Hennigsdorf feiern. Mehr als ein Viertel dieser Zeit stand Wolfgang Götsch als Cheftrainer an der Seitenlinie.
Quellen
- Der Tagesspiegel · Rugby: Wie der Ball gehärtet wurde (16.09.2007) ↗
- sport-record.de (Stephan Müller) · DDR-Meisterschaften und Pokal im Rugby ↗
- Wikipedia · SV Stahl Hennigsdorf 1948 ↗
- Wikipedia (en) · Stahl Hennigsdorf Rugby ↗
- Wikipedia · Rugby-Union-Nationalmannschaft der DDR ↗
- SV Stahl Hennigsdorf Rugby · Startseite (Regionalliga Ost, 80 Jahre Rugby in Hennigsdorf) ↗
Dieser Text wurde mit Hilfe von KI erstellt.

