Erwin Thiesies, der Mann, der Hennigsdorf zur Rugbystadt machte
Ein Berliner Nationalspieler holt 1948 Jugendliche in Hennigsdorf auf die Wiese und baut daraus den DDR-Rekordmeister. Unser Porträt von Erwin Thiesies erzählt auch das schwierige Kapitel seiner Stasi-Akte.

1948 trainieren auf den Bötzower Wiesen in Hennigsdorf zum ersten Mal Kinder und Jugendliche mit einem ovalen Ball. Der Mann, der sie dort versammelt, ist Ende 30, gelernter Schneider und hat 14 Länderspiele für Deutschland bestritten. Einen Verein, einen Platz oder eine Mannschaft gibt es in der Stahlstadt an der Havel nicht. Als Erwin Thiesies 1977 als Trainer aufhört, hat Stahl Hennigsdorf unter ihm 17 DDR-Meistertitel gewonnen. Wie der Ort zur Rugbyhochburg des Ostens wurde, erzählt unser Text zur Geschichte des Rugby in Ostdeutschland. Hier geht es um den Mann, der das angestoßen hat.
Aus dem Hinterhaus in die Nationalmannschaft
Thiesies kommt am 22. August 1908 in Charlottenburg zur Welt. Sein Vater arbeitet als Hauswart, die Familie wohnt nach Angaben des Rugby-Verbands Brandenburg im dritten Hinterhaus einer Mietskaserne. Nach der Volksschule in Moabit geht er von 1922 bis 1926 bei einem Charlottenburger Schneidermeister in die Lehre. Sportlich fängt er mit Turnen und Boxen an. Über Tennis Borussia Berlin kommt er zum Rugby, später wechselt er zum Berliner SV 92. Dort spielt er sich als Stürmer bis in die Nationalmannschaft.
1934 ist für ihn ein doppeltes Startjahr. Er macht sich in der Veteranenstraße in Berlin-Mitte als Schneider selbstständig und trägt zum ersten Mal das Trikot der Nationalmannschaft. Bis 1940 kommen 14 Länderspiele zusammen, gegen Frankreich, Italien, Rumänien und die Tschechoslowakei. 1939 legt er die Meisterprüfung ab. Der Heidelberger Verleger Hermann Meister nannte „Eiwi“, so riefen ihn die Mitspieler, im Rugbyhandbuch von 1939 „einen der zuverlässigsten Stürmer mit Spielintelligenz“. Thiesies trank keinen Alkohol, rauchte nicht und hielt sich mit Waldläufen und Radtouren fit.
Seine Länderspieljahre fallen in die stärkste Phase der deutschen Auswahl vor dem Krieg, mit dem 3:0 gegen Frankreich am 27. März 1938 in Frankfurt als bekanntestem Ergebnis. Mehr dazu steht in unserer Geschichte des Rugby in Deutschland. Ob Thiesies an diesem Tag mitspielte, konnten wir in keiner Aufstellung belegen.
Ab Mai 1940 ist er Soldat. Später erzählte er gern, er habe in Frankreich mit französischen Rugbyspielern trainiert. Bomben zerstören in Berlin seine Wohnung und seine Werkstatt. Nach Kriegsende ziehen er und seine Frau Jette zu Schwester und Schwager nach Hennigsdorf.
Neuanfang zwischen Stahlwerk und Tanzboden
Hennigsdorf ist eine Industriestadt nordwestlich von Berlin, geprägt vom Stahl- und Walzwerk. Rugby kennt dort niemand. Thiesies holt erst Schulkinder auf die Wiese, dann junge Männer aus Gaststätten und von Tanzböden. Laut der Vereinschronik versucht er zunächst, bei der BSG Motor unterzukommen, wo man kein Interesse hat. Bei der Betriebssportgemeinschaft Stahl klappt es, 1948 entsteht dort die Sektion Rugby.
Gespielt wird anfangs gegen Berliner Vereine wie den BSV 92, Siemens und den BSC, 1949/50 und 1950/51 sogar in der gesamtberliner Meisterschaft. Thiesies nutzt seine Kontakte aus der Vorkriegszeit und holt Gegner aus Hannover nach Hennigsdorf. Im Oktober 1953 feiert die Sektion ihr fünfjähriges Bestehen mit einem gesamtdeutschen Turnier, Gast ist unter anderem der DSV Hannover 78. Gleichzeitig entstehen in der Umgebung neue Mannschaften, in Leegebruch, Velten, Hohen Neuendorf, Brandenburg und Potsdam.
Warum ausgerechnet Hennigsdorf so stark wurde, hat viel mit dem Werk zu tun. In der DDR hing ein Betriebssportverein am Geld und an den Arbeitsplätzen seines Trägerbetriebs. Ab 1953 stellt das Stahl- und Walzwerk Thiesies als hauptamtlichen Rugbytrainer ein. Er kann sich ganz auf den Sport konzentrieren, beobachtet Spiele im Ausland und besucht drei Trainerlehrgänge des europäischen Verbands FIRA in Frankreich. Französische Rugbyzeitungen bezieht er weiter, auch wenn der Zoll sie immer wieder einbehält.
Erster Trainer der DDR
1950 entsteht beim Fußballverband der DDR ein Fachausschuss Rugby, Thiesies sitzt darin. Im Sommer 1951 tritt bei den Weltfestspielen der Jugend in Berlin unter seiner Leitung erstmals eine DDR-Auswahl an, gegen eine australische Mannschaft und nach Angaben des Brandenburger Verbands vor mehr als 8000 Zuschauern. Im selben Jahr folgt in Bukarest das erste offizielle Länderspiel, Rumänien gewinnt 64:26. Den ersten Sieg holt die DDR erst 1958 in Ostende gegen die Niederlande. Am 12. Oktober 1958 erreicht sie in Brandenburg an der Havel vor mehr als 3000 Zuschauern ein 5:5 gegen Rumänien, das einzige Remis der DDR gegen Rumänien, die stärkste Rugbynation im Ostblock.
Thiesies bleibt Nationaltrainer bis 1972, die Quellen nennen 35 oder 36 Länderspiele unter ihm. Mit Stahl gewinnt er die ersten beiden DDR-Meisterschaften 1952 und 1953. Danach dominieren DHfK Leipzig und Vorwärts Berlin, Klubs mit Hochschule und Armee im Rücken. 1959 reist Stahl erstmals nach Frankreich und gewinnt dort gegen Teams aus Versailles und Toulon. Ab 1962 holt Hennigsdorf zehn Titel in Folge bis 1971, und nach dem Titel von Stahl Leegebruch 1972 noch einmal vier von 1973 bis 1976.
Malmö 1964 und die Akte „Paul“
Im August 1964 spielt die DDR ein Vier-Nationen-Turnier in Malmö. Sie verliert gegen Polen, schlägt Dänemark und am 16. August Schweden mit 28:0, ihr höchster Sieg überhaupt. Danach setzen sich drei Spieler von der Mannschaft ab und gehen in den Westen.
Für Thiesies hat das Folgen, deren Einzelheiten erst 2020 öffentlich wurden. Der Hennigsdorfer Regionalhistoriker Klaus Euhausen hat Auszüge seiner Stasi-Akte ausgewertet. Nach Malmö sprach die Staatssicherheit den Trainer an, im Dezember 1965 warb sie ihn als inoffiziellen Mitarbeiter mit dem Decknamen „Paul“ an. Er sollte über Westkontakte und die Zuverlässigkeit seiner Spieler berichten. Wer als unsicher galt, fuhr nicht mit zu Auslandsspielen, 1965 etwa betraf das Spieler für eine Partie in Jugoslawien.
Die Akte zeigt auch die Grenzen dieser Zusammenarbeit. Die Stasi-Offiziere beklagten wiederholt, Thiesies interessiere nur der Sport und er vernachlässige die politische Erziehung. Ein Geldgeschenk zu Weihnachten 1966 wollte er nicht behalten, er gab es für Weihnachtsgeschenke an die Kindermannschaft eines Kinderheims in Ferch. Als Rentner durfte er ab 1973 in die Bundesrepublik reisen. Im November 1973 besuchte er Heidelberg und Hannover, traf alte Spieler, darunter einen der Malmö-Flüchtlinge, und gab der Deutschen Rugby-Zeitung ein Interview. Danach legte er seine Stasi-Verbindung selbst offen, 1974 schloss das Ministerium die Akte. Euhausen weist darauf hin, dass Thiesies nur mündlich berichtete und die Berichte von den Offizieren stammen. Ob er jemandem geschadet hat, können nach seinen Worten zuerst die Betroffenen beurteilen.
Was von ihm bleibt
1977 übergibt Thiesies das Traineramt an Wolfgang Götsch, einen seiner eigenen Spieler mit 20 Länderspielen und rund 700 Einsätzen für Stahl. Nach vier Titeln von Lok Leipzig-Wahren gewinnt Hennigsdorf von 1981 bis 1990 jede DDR-Meisterschaft, am Ende stehen 27 Titel. Von den 239 Nationalspielern der DDR kamen 104 aus Hennigsdorf. 1990 ehrte DRV-Präsident Willi Eckert ihn als ersten Nationaltrainer des DDR-Verbands. Er trug die Ehrennadel des Deutschen Rugby-Verbands in Gold und die der FIRA in Bronze. Erwin Thiesies starb am 18. Februar 1993 in Hennigsdorf.
Eine Straße oder einen Platz mit seinem Namen gibt es nach unserem Stand nicht. Mehrere Vorstöße, unter anderem 2011 und 2018, blieben ohne Erfolg, seit 2020 wird in der Stadt auch über die Stasi-Akte diskutiert. Sein Name steht über dem Erwin-Thiesies-Gedenkturnier, einem Hallenturnier des SV Stahl Hennigsdorf für Nachwuchsteams. Die Vereine, die er in der Umgebung mit angeschoben hat, gibt es teilweise bis heute, etwa in Velten und Hohen Neuendorf. Die Hennigsdorfer Männer spielen heute in der Spielgemeinschaft SG Oberhavel in der Regionalliga Ost, ihr Platz liegt an der Berliner Straße. Am 24. Juni 2028 will der Verein 80 Jahre Rugby in Hennigsdorf feiern, 80 Jahre nach den ersten Trainingseinheiten auf den Bötzower Wiesen.
Quellen
- Rugby-Verband Brandenburg · Erwin Thiesies – Ein Leben für den Sport ↗
- Klaus Euhausen (Regionalgeschichte Hennigsdorf) · Die Mannschaftsaufstellung bestimmte nicht allein der Trainer (2020) ↗
- Der Tagesspiegel · Rugby: Wie der Ball gehärtet wurde (16.09.2007) ↗
- Wikipedia · Erwin Thiesies ↗
- Wikipedia · Rugby-Union-Nationalmannschaft der DDR ↗
- sport-record.de (Stephan Müller) · DDR-Meisterschaften im Rugby ↗
- Wikipedia · SV Stahl Hennigsdorf 1948 ↗
- Wikipedia (en) · Stahl Hennigsdorf Rugby ↗
- SV Stahl Hennigsdorf Rugby · Startseite (Regionalliga Ost, 80 Jahre Rugby in Hennigsdorf) ↗
- World Rugby Museum · New book documenting the history of rugby in East Germany ↗
Dieser Text wurde mit Hilfe von KI erstellt.

