Das Verletzungsrisiko im Rugby
Die Rugby-WM läuft auf vollen Touren. Die Fans sind begeistert, das Niveau ist einer Weltmeisterschaft angemessen, viele Spiele spannend. Doch viele, die den Sport zum ersten Mal sehen bzw. nicht allzu häufig verfolgen, fragen sich, wie gefährlich dieser Sport ist. "Rugby ist eine von Gentlemen gespielte Raufbold-Sportart". So heißt es jedenfalls immer. Doch stimmt das? Wie kann es sein, dass dieser Sport ohne großen Schutz gespielt wird? Die Vergleiche zum American Football liegen ja auf der Hand. American Football und Aussie Rules Football hatten in den letzten Jahren mit großen Skandalen zu kämpfen, was Kopfverletzungen anging. Auch Rugby hat diese Sorgen. Gehirnerschütterungen kommen vor, auch wenn der Sport nach den Regeln und richtig ausgeführt wird. Doch im Gegensatz zur NFL, die lange nicht wahrhaben wollte, dass es ein Problem gibt, hat World Rugby schon vor einiger Zeit reagiert und Regeln angepasst. Besonders Tacklings, die über Brusthöhe angesetzt werden, werden deutlich härter bestraft als früher. Auch die medizinische Versorgung ist auf Kopfverletzungen eingestellt. Bei der Weltmeisterschaft werden eigens Ärzte darauf angesetzt, sich alle Szenen nur im Hinblick auf Kopfverletzungen anzuschauen und dementsprechend zu reagieren. Andreas Thies hat über das Thema Verletzungen im Rugby im Allgemeinen sowie Kopfverletzungen im Speziellen mit Colin Grzanna gesprochen. Grzanna ist "Head of Physical Performance" beim Deutschen Rugby-Verband und berichtet über das Verletzungsrisiko, über Gehirnerschütterungen und was im Rugby dagegen getan wird.
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Transkript
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0:00 Gut, gut, gut. Mein. Vorpass. Vorpass Spezial. Der Podcast zur Rugby-WM in Japan. Auf mein-sport-podcast.de Die Rugby-WM läuft in vollem Gange und am Wochenende werden wir die Viertelfinalisten erleben bzw. die Viertelfinalisten bestehen haben. Wir haben ein großes Thema beim Rugby sowie dann auch beim American Football oder bei der Aussie Football League. Wir müssen über Kopfverletzungen bzw. Verletzungen im Sport überhaupt sprechen, im Sport Rugby. Wie gefährlich ist Rugby? Wie gefährlich ist Rugby für den Kopf? Und was wird getan, um diese Kopfverletzungen bzw. Verletzungen an sich zu minimieren? Darüber spreche ich jetzt heute mit dem Head of Physical Performance des Deutschen Rugby Verbandes mit Colin Janner.
0:48 Hallo Herr Janner. Ja, hallo Herr Thies. Herr Janner, Head of Physical Performance, was kann man sich darunter vorstellen? Die Position des Head of Physical Performance ist 2018 entstanden. Das ist wahrscheinlich, wenn man es übersetzt ins Deutsche als Bundestrainer Medizin und Bundestrainer Athletik beschreiben. Zum einen kümmere ich mich mit den Athletik-Lehnern darum, die Spieler so fit wie möglich zu halten. Aber dadurch, dass wir eine relativ kleine Spielerbasis haben, ist natürlich Gesundheit für uns ein übergeordnetes Thema, sodass wir diese beiden Positionen miteinander kombiniert haben. denn nur ein gesunder Spieler kann auch Leistung bringen. Und daher sind diese beiden Positionen in einer zusammengefasst worden vom Verband.
1:31 Sie waren selber Spieler bzw. Nationalspieler dann auch. Was war Ihre schlimmste Verletzung? Ja, richtig. Ich habe vor knapp zehn Jahren auch noch in der Nationalmannschaft gespielt, weil ich hatte auch die große Ehre, die Mannschaft als Kapitänausfeld zu führen. Und ich hatte, also die schlimmste Verletzung war wahrscheinlich mein Kreuzbandriss, den ich mir zugezogen habe, die aber, soweit ich mich daran erinnere kann, nicht mehr im Marktbiel passiert ist, sondern da habe ich Fußball gespielt im Aufwärmen. Und die andere Verletzung war eine Schulterverletzung. Also da habe ich mir eine Schulter-Eckelenksprengung geholt. und die hat mich aber relativ kurz nur aus dem Betrieb genommen. Also das waren zwei, drei Wochen, die ich da draußen war.
2:25 Der Kreuzbandriss hingegen, den habe ich nie operieren lassen. Also den habe ich muskulär auftrainiert und der macht mir bis heute eigentlich keine Probleme. Also das waren so meine schlimmsten Verletzungen, die ich hatte. Also sind Sie da eigentlich relativ glimpflich davon gekommen bei diesen Verletzungen? Na, natürlich habe ich nach Spielen immer mal so ein paar Nocks und Bruises gehabt, wie man im Englischen sagt. Ich hatte immer mal so eine Kontusion gehabt oder mal hier einen blauen Fleck oder auch mal eine Zerrung. Aber das war nichts, was ich jetzt persönlich als etwas Schlimmes bezeichnen würde, was nicht wieder nach ein paar Tagen oder nach wenigen Wochen auch wieder vollständig und auch normal ausgeheilt wäre.
3:09 Also ich hatte keine dauerhaften Beschwerden, muss man behalten. Das führt halt zu meiner ersten Frage. Rugby ist ein Sport, der ohne großen Schutz gespielt wird. Wenn er jetzt auf diesem Niveau, was wir im Moment bei der WM erleben, wenn er auf diesem Niveau richtig gespielt wird, wie gefährlich ist der Rugby-Sport? Das ist natürlich eine Schwarz-Weiß-Frage. Da kann man natürlich, also ich würde lügen, wenn ich sage, es würde nicht ein Risiko bestehen, wenn man diese Sportart ausführt. Nun muss man aber auch unterscheiden zwischen Profisport und Amateursport. Also der Profisport auf dem Niveau hat natürlich ein Risiko, das muss man ganz klar sagen. Aber die Spieler, die dort sind, das sind Vollprofis, die machen das in Vollzeit, die werden genau auf diesen Sport vorbereitet.
4:01 und werden eben auch genau dafür trainiert, diesen Belastungen standzuhalten. Also Rugby ist eine Kollisionssportart, ganz klar. Man muss auch da mittlerweile mit der Technik, die uns zur Verfügung steht, sagen, dass die Kollisionen auch teilweise sehr stark sind. Das ist auch ganz klar. Und man sieht ja auch in dieser WM, dass es doch auch immer wieder zu Verletzungen kommen kann. Nun wäre das nur ein Teil der Wahrheit. Also wenn man sich betrachtet und sagt, eine Kontaktsportart passiert komplett ohne Verletzung, dann würden sich auch andere Sportarten wie Handball, Karate, aber auch Fußball hat ein Restrisiko. Da muss man ganz klar sagen, Rugby hat das Verletzungsrisiko nicht gebunkert aufgrund der Art des Sports, sondern es ist eine Sportart, bei der man weiß, dass es Verletzungen geben kann.
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4:56 Aber wir versuchen eben auch alles zu tun, um diese Verletzung so gering wie möglich zu halten. Und da hatte ich ja auch am Anfang der Aussage gesagt, man muss ganz klar unterscheiden zwischen Profisport und Amateursport. Denn das Verletzungsrisiko zum Beispiel von Amateuren ist nur zum Drittel so ausgeprägt wie das von den Profisportlern. Das hat einfach mit der Schnelligkeit des Spiels, mit der Art der Spielweise, mit den körperlichen Voraussetzungen zu tun, mit der Menge an Tackles, die man macht, mit der Art der Kollision. Also für den Otto-Normalverbraucher ist das Verletzungsrisiko, wenn man Rugby als Freizeitsport oder als erweiterten Breitensport betreibt, dann ist das Verletzungsrisiko deutlich geringer als das von einem Profisportler.
5:39 Ja, wenn wir uns auf diesen Profisport jetzt dann nochmal konzentrieren, was sind denn die häufigsten Verletzungen beim Rugby? Wir haben einige Verletzungen jetzt schon erlebt bei dieser Rugby-WM, zum Beispiel für Schottland, Hamish Watson ist ausgefallen für die komplette WM, am Bein hat er eine Verletzung, was sind denn die häufigsten Verletzungen beim Rugby? Also die häufigsten Verletzungen, da gibt es ja diverse Statistiken, je nachdem wie man hinguckt. Kopfverletzungen sind ein Teil des Problems, definitiv. In England sind zum Beispiel in der Statistik zumindest an Nummer 1 geführt, gefolgt von Weichteilverletzungen, dann aber auch Bänderverletzungen und Schulterverletzungen. Schaut man nach Australien, dann sind die Weichteilverletzungen und Schulterverletzungen zuerst und dann kommen erst die Concussions in Südafrika, ist es dann auch so, dass die Schädel-Hirn-Verletzungen, dass die auch irgendwie an Position 2, 3 liegen.
6:35 Also die Hauptverletzungen sind sicherlich die Schulter, die Weichteilverletzungen, Innenwandverletzungen, Knöchel, aber auch natürlich, was am meisten mediale Präsenz hat, sind es die Concussion. Mediale Präsenz? Ja, wir sprechen gleich ausführlich dann über Gehirn- bzw. Kopfverletzungen. Aber richtet sich dann auch die Art der Verletzungen bzw. die Häufigkeit der Verletzungen danach so ein bisschen, wie dann auch Rugby gespielt wird? Ich sage jetzt mal in Osteuropa, Georgien, dann eher sturmlastig, dass da dann eher solche Sachen wie Schulterverletzungen dann vorkommen und in anderen Teilen der Erde, dass es vielleicht auch dann anders gespielt wird und deswegen dann auch andere Verletzungen vorkommen?
7:15 Vollkommen richtig. Ich würde lügen, wenn ich jetzt mit Zahlen daherkomme, weil die weiß ich nicht. Aber was ich in einem Gespräch mit einem Kollegen schon auch rausgehört habe, ist, dass zum Beispiel die Nordseeländer mehr Schulterverletzungen haben. Es liegt primär daran, dass die anders tacklen. Den wird von Anfang an anders beigebracht. Die tacklen viel tiefer. Damit haben sie natürlich auch das Risiko, dass sie einen anderen Kontaktpunkt haben, also an Hüften oder Knien zum Beispiel. Da sind so die kleineren Schulterverletzungen, wie AC-Gelenksprengungen oder sowas, die sind da häufiger. Da haben sie vollkommen recht. Das liegt schon an der Art und Weise, wie in dem Land Rugby gespielt wird, auch was für Verletzungen vorrangig sind.
8:07 Und man muss ganz klar sagen, je besser die Technik, desto geringer auch die Raten der Gehirnerschütterung. und denn der Tackler ist am meisten gefährdet, eine Gehirnerschütterung zu erleiden. Es ist nicht so, dass der Getackelte, also der, der tief gehalten wird, dass er mehr Gefahr läuft, eine Gehirnerschütterung zu erleiden, sondern es ist eben der Getackelte und da ist es ganz klar, je besser die Technik, desto geringer oder desto weniger Gefahr läuft, ein Spieler auch eben so eine Gehirnerschütterung zu bekommen. Wenn wir mal die Kopfverletzungen außen vor lassen, Wie gesagt, die besprechen wir gleich genauer. Wenn wir die außen vor lassen, wie kann man denn Verletzungen beim Rugby vorbeugen?
8:47 Gerade so Schulterbereich bzw. die anderen Bereiche, die Sie jetzt gerade angebracht haben. Also da ist World Rugby ja sehr, sehr aktiv, muss man sagen. Sie haben jetzt ein Programm herausgebracht, das nennt sich Activate. In England wurde das von der University of Bath entwickelt und hat eine deutliche Risikoreduktion von Verletzungshäufigkeiten gezeigt. Das heißt, da wird ein relativ standardisiertes, in Stufen verlaufenes Aktivierungsprogramm, das heißt ein Aufwärmprogramm durchlaufen, was für unterschiedliche Altersklassen auch ausgelegt ist. und damit haben sie in manchen Bereichen Verletzungsreduktionen von über 30 Prozent geschafft. Also das ist schon signifikant. Das heißt, je besser Spieler aufgewärmt sind, je besser Spieler auch gewisse motorische Fähigkeiten mitbringen, also auch Bewegungskompetenzen dann haben, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit von Verletzungen.
9:56 Denn das ist auch ein Teil des Problems, insbesondere im Breitensport, ist, dass viele der motorischen Kompetenzen, die vielleicht die vorangegangene Generation noch hatten, weil sie einfach viel mehr diverse Sportarten gespielt haben oder überhaupt mehr gespielt haben, als einfach gewisse Bewegungskompetenzen vorhanden waren. Die gehen zunehmend durch unseren modernen Lebensstil abhanden. Und dieses Aktivierungsprogramm hat eben dazu geführt, dass gewisse Bewegungskompetenzen wieder eingeübt werden und standardisiert durchgeführt werden und damit eben eine deutliche Reduktion auch erlangt werden kann. Also man kann durch standardisierte Programme schon das Verletzungsrisiko verringern. Komplett rausnehmen wird man es aus der Sportart nicht.
10:39 Also World Rugby ist schon sehr interessiert daran, dass dann das Verletzungsrisiko nicht nur am Kopf, sondern auch am Rest des Körpers dann auch minimiert wird. Ja, na klar. Letztendlich ist es natürlich auch, man hat es mit der NFL gesehen, das hat der Popularität keinen Abbruch getan. Aber das ist natürlich auch ein Imageproblem. Dessen sind wir uns schon bewusst. Wenn eine Sportart als gefährlich gilt, wer will sein Kind da noch hinschicken? Das heißt, auf der einen Seite hat man die positiven Aspekte, die die Sportart Rugby mitbringt. Letztendlich Körpergefühl, sich auch mal mit anderen Kindern, ich sage mal in Anführungszeichen, raufen zu können unter ganz strikten Regeln. Das heißt, man auch mal sich gegenseitig messen, Entwicklung von Selbstbewusstsein, Körpergefühl entwickeln, Ballgefühl entwickeln, Mannschaftssport zu lernen, die ganzen sozialen Kompetenzen, die man in einem Mannschaftsgefüge auch erlernen kann.
11:34 Also das wird ja immer so auf beide Waagschalen gelegt. Und wenn die Waagschale-Verletzungsrisiko schwerer wird, dann hat man ein Problem. und da sind wir natürlich alle daran erpicht, unsere Sportart so sicher wie möglich zu halten, damit eben auch das Erlebnis Rugby für jeden der Beteiligten weiterhin ein Positives bleibt. Wenn wir jetzt auf die WM gucken, dann sehen wir einige Mannschaften, die nur vier Tage Zeit haben zwischen zwei Spielen und dieser Sport ist extrem anstrengend. Ich habe Michael Poppenmeier, ein zweiter Reihestürmer der deutschen Nationalmannschaft, nach Spielen gesehen und ich hatte kein Mitleid, aber ich habe halbwegs gespürt, wie kaputt er gewesen sein muss. Was kann man in diesen vier Tagen machen, um einen Spieler, zum Beispiel erste oder zweite Reihestürmer, die unglaublich viel bringen müssen, was kann man tun, um in diesen vier Tagen die Spieler wieder auf ein halbwegs vernünftiges Niveau zu bekommen?
12:29 Also, das Training ist vor der WM durchgeführt worden. Also, man muss nicht davon ausgehen, dass die Mannschaften vor Ort, wenn sie dann wirklich mal so einen kurzen Turnaround hat, wenn die wirklich nur vier Tage zur Verfügung kamen, dann ist das Wichtigste wirklich die Erholung, also die sogenannte Recovery. Das heißt, die werden am Spieltag plus eins, werden sie maximal vielleicht in den Pool springen, dann werden sie ein bisschen Weichteilarbeit machen, also Weichgewebearbeit. Das heißt, die werden massiert, die werden auf dem Foamroller liegen, die werden vielleicht in eine Lymphmaschine gesteckt. Also am Tag zwei ist es dann ähnlich. Das heißt, die werden über ein bisschen Bewegung abends, dann vielleicht machen sie noch einen kleinen Walkthrough oder ein paar Skills, um dann am Spieltag minus eins dann vielleicht nochmal einen schnelleren, aber ganz kurzen Teamrun zu haben, der relativ intensiv ist, damit sie den Körper natürlich auch so ein bisschen wieder an die notwendigen Bewegungsgeschwindigkeiten gewöhnen.
13:38 Aber man muss nicht davon ausgehen, dass die dann in drei Tagen, die sie zur Verfügung kamen zwischen den Spielen, dass sie dann wirklich nochmal richtig trainieren. Also das ist völlig utopisch. Also die ganze schwere Arbeit und die harte Arbeit ist in den drei, vier Monaten vorher passiert. Wie lange dauert so ein Training am Tag vorm Spiel dann noch, wenn der Turnaround dann wirklich so kurz war? Also erfahrungsgemäß machen die sich vielleicht zehn. Das hängt sicherlich auch von der Mannschaft ab. ich gehe davon aus, dass maximal 30 Minuten trainiert wird vielleicht mal 40 Minuten mit Kickern, die noch so einen Stangen kicken oder aber auch einem Warm-up aber an und für sich maximal 15 Sekunden Belastung 45 Sekunden, dann wieder Pause dass die auch wirklich richtig runterkommen aber dass sie das eben, was gemacht werden muss mit maximaler Geschwindigkeit und vollständig erholt dann wieder durchführen können, also das ist relativ kurz, aber intensiv und da wird man keine Fitness mehr bolzen können.
14:39 Die Fitness, die man braucht, die bekommt man in den Spielen. Also die Match-Fitness, die wir durch diese Spiele erlangen, die kann man gar nicht im Training so replizieren. Und muss man Sturm und Hintermannschaft da getrennt voneinander betrachten oder machen die eigentlich das Gleiche? Also im Normalfall machen die dann das Gleiche. Also vielleicht trennen sie noch mal kurz, um vielleicht ein paar Gedränge oder ein paar Gassen zu machen oder auch mal ein paar Live-Gedränge, aber dass wirklich am Tag vorher, also die Technik und die spezifische Fitness, die ist so ausgeprägt dann schon, dass man eigentlich wirklich nur noch das Zusammenspiel trainiert innerhalb des Mannschaftsteils. Und es ist ja auch so, dass ganz selten die gleiche Mannschaft auf dem Platz stehen wird.
15:27 Also je besser die Mannschaft, desto häufiger wird man sehen. Also heute spielt Kanada mit 13 Veränderungen zu der Mannschaft, die gegen Italien so hoch gewonnen hat. Das ist natürlich für eine Tier-2-Mannschaft wie Kanada ein Luxus, den sie sich nicht leisten können. Die haben wahrscheinlich Top 22 oder Top 15, die so gut sind, dass sie auch mal 60 Minuten mitspielen können, wenn es gut läuft. Oder auch vielleicht mal 70, wenn es ganz, ganz gut läuft. Aber an für sich haben die eben nicht so einen tiefen Kader wie die Top-Nationen. Und deshalb ist es so ein kurzer Turnaround für die kleinen Nationen brutal, brutal schwierig zu kompensieren. Also Top-Nationen mit so einem tiefen Kader wie Neuseeland, Südafrika, Irland, Schottland und wie sie alle heißen, die können natürlich so eine kurze Pause anders wegstecken als die kleineren Nationen.
16:17 Wie ist denn die ärztliche Versorgung bei diesen Turnieren? Wie viele Leute kümmern sich um so eine Mannschaft, gerade aus medizinischer Sicht, während so eines Turniers? Man hat ja zwischendurch, es gab auch bei dieser WM Nationen, die zum Beispiel zehn Tage Pause hatten, es gab dann aber auch nur die vier Tage. Wie viele Personen kümmern sich dann um solch ein Team, um solch ein großes 31-Mann-Team? Also die medizinische Abteilung bei so einem Turnier wird schon groß sein. Also ich denke, am Platz selber sind ja immer zwei Medics, also das heißt jeder auf einer Seite an Spieltagen. Ansonsten gehe ich fest davon aus, dass da mindestens vier Physiotherapeuten mit dabei sind bei den Top-Nationen.
16:58 Ein Arzt und ich meine die medizinische Versorgung am Rand, die durch World Rugby organisiert wird oder in dem Fall auch durch den japanischen Verband, die wird auch sensationell gut sein. Also die medizinische Abteilung leistet da sicherlich Höchstleistungen, die nicht zu unterschätzen sind. Also ich kann das jetzt nur von der Weltmeisterschaftsqualifikation in Marseille aus eigener Erfahrung am deutschen Team. Also nach Spiel 2, da arbeiten die Physios wirklich für in Vollzeit. Und wenn da noch eine kleine Krankheit bei irgendjemand dazukommt oder ein gastrointestinaler Infekt, dann arbeiten alle auf absolutem Hochton. Also die medizinische Versorgung muss da absolute Spitzenklasse sein, damit sowas überhaupt funktioniert.
18:00 Wir müssen zu den Kopfverletzungen kommen. Was sind die häufigsten, beziehungsweise in welcher Situation und in welcher Position ist eine Kopfverletzung am häufigsten? Sie haben gerade gesagt, dass der Tacklende eigentlich das größere Risiko hat, als der Getacklte, eine Kopfverletzung zu erlangen. Liegt dann ja auch so ein bisschen an anderen Regeln, dass Hightackle verboten ist und dass man versucht, diese Hightackles so gut wie zu minimieren. Aber in welchen Situationen kommt es dann am häufigsten vor, dass Kopfverletzungen entstehen? Ja, das ist eine gute Frage. Die Kopfverletzung, das hatten wir schon vorher kurz angesprochen. Also es gibt mittlerweile sehr gute Datenlagen, die belegen, dass der Tackle zu 70% die Gefahr trägt, eine Kopfverletzung davonzutragen in einem Tackle.
19:00 Das heißt, dass derjenige, der tief hält, ein deutlich erhöhtes Risiko hat. Man geht davon aus, dass der Kontakt von Kopf zu Kopf oder Kopf zu Schulter oder im Kopf zu Ellbogen, also sprich harten oder spitzen Körperteilen oder knochigen Körperteilen ein deutlich erhöhtes Risiko trägt, dass man eine Gehirnerschütterung davon trägt. Also Kontaktpunkte wie auf Weichgewebe oder eben knöcherne Strukturen wie zum Beispiel dem Rumpf, dem Brustkorb oder eben dem Oberschenkel haben ein deutlich geringeres Risiko. Und man muss auch davon ausgehen, dass die Art des Tackles oder die Tackle-Technik auch dazu beiträgt, dass das Risiko von Gehirnerschütterung deutlich reduziert werden kann. Wie erkennt eigentlich jemand, beziehungsweise auf dem Feld, wie wird erkannt, dass es eventuell eine Gehörerschütterung bei einem Spieler aufgetreten sein könnte?
19:57 Weil es muss ja der Schiedsrichter entscheiden, ob es zu einem Head Injury Assessment kommt. Oder geht das vom Team aus, dass man sagt, okay, wir müssen den Spieler jetzt erst mal aus dem Verkehr ziehen. Wie wird das erkannt auf dem Spielfeld, dass ein Spieler eventuell eine Kopfverletzung davon getragen hat? World Rugby macht da wirklich eine Menge. Und zwar ist es mittlerweile so, und auch da muss man unterscheiden zwischen Profisport und Törsport. Also im Profisport gibt es ganz klare Kriterien, wann ein Spieler vom Platz zu entfernen ist. Und zwar gibt es dafür eben wirklich einen Arzt, der sich die ganze Zeit das Spiel anguckt und durch unterschiedliche Kameraeinstellungen sich auch Tackles in Zeitlupe angucken kann oder auch Kontaktpunkte in Zeitlupe angucken kann.
20:53 Und wenn ein Spieler bestimmte Kriterien erfüllt, dann muss er dieses Head-and-G-Assessment durchgehen. Und dafür hat man zehn Minuten Zeit, dass man eben schaut, ob der Spieler auffällig ist im Vergleich zu seiner Baseline, die man vorher durchgeführt hat, die man mittlerweile heutzutage auch mehr oder weniger aufwendig durchführen kann. und sollte da der Verdacht bestehen, hat eben nicht der Mannschaftsarzt, sondern derjenige, der die Untersuchung dann leitet, die übergeordnete Funktion zu gucken, dass der Spieler dann geschützt wird und eben dann entfernt wird. Also bei solchen Weltmeisterschaften muss man sich das vorstellen, dass da wirklich die ganze Zeit jemand sich den Bildschirm, also das Spiel, nur auf diese Head-in-G's anguckt und guckt eben, ob ein Spieler auffällig ist, Denn letztendlich muss man auf gewisse klinische Symptome achten.
21:48 Also hält er sich lange den Kopf, wirkt er angeschlagen oder wirkt er letztendlich nicht präsent. Ist sein Blick leer, ist er irgendwie motorisch eingeschränkt. Steht er auf und fällt sofort wieder hin oder bleibt länger als fünf Sekunden liegen. Also es gibt diverse Kriterien, die eben dazu führen, dass man sagt, der muss sofort entfernt werden. Und es gibt eben Kriterien, die dazu führen, dass ein Spieler, dass die Empfehlung, und die Empfehlung ist bindend. Das heißt, da gibt es keine Diskussion, dass die Empfehlung ausgesprochen wird, jetzt ein HIA, also ein Head Injury Assessment durchzuführen. Und der Arzt, der das Spiel sich anschaut, der kontaktiert dann den Schiedsrichter und sagt eben hier, Blau 13, der muss jetzt erstmal runter vom Feld oder wie läuft das dann?
22:39 Nicht direkt den Schiedsrichter, sondern dann geht es an die Offiziellen, die an der Auslinie stehen. Und die geben dem Schiedsrichter dann Bescheid, dass der Spieler zum HIA muss. Und es ist auch spannend, denn auch da eine kleine Anekdote von der Weltmeisterschaftsqually in Marseille. Einer unserer Spieler hat einen Tackle gehabt und hat getacklet. und das Tackle selber war völlig unauffällig, auch das haben wir dann in der Zeitlupe uns angeguckt, es ist der zweite Einschlag gewesen, also der sogenannte Second Impact. Das heißt, der ist dann mit dem Kopf, dadurch, dass er nach hinten gefallen ist, ist er mit dem Kopf auf den Boden gefallen und alleine durch die Beschleunigung hatte er einen so hohen Verdachtsmoment auf eine Gehirnerschütterung, dass er da eben getestet werden musste.
23:32 Das hat sich nicht bestätigt, das hat sich auch anschließend nicht bestätigt. Das muss man auch ganz klar sagen, Denn nicht jede Kopfverletzung oder jeder Kopfzusammenstoß oder auch jede Beschleunigung führt immer zu einer Gehirnerschüttung. Auch das ist ganz klar. Das muss man auch ganz klar festhalten. Aber es ist eben häufig nicht das Offensichtliche, sondern es ist eben dann manchmal auch das, was nicht von dem Hauptkamerabild gesehen wird. Und das ist schon eine wichtige Aufgabe, die diese Kollegen da auch machen, um dann auch wirklich die Sicherheit der Spieler zu garantieren. Der Spieler kommt jetzt halt also vom Feld, wird dann ersetzt durch einen anderen Spieler und hat jetzt oder dann gibt es die zehn Minuten Zeit, um auszuschließen, dass es eine Gehirnerschütterung gibt.
24:18 Was für Tests gibt es dann jetzt hinter den Kulissen, die etwas ausschließen bzw. die eine Gehirnerschütterung bestätigen? Heutzutage wird es durch Apps durchgeführt. Und anhand von speziellen Tests, also das sind Gleichgewichtstests, das sind kognitive Tests, also die einmal das Kurz- und das Langzeitgedächtnis prüfen, das sind visuelle Tests. Das heißt, das sind spezielle Testverfahren, die auch immer angepasst werden. Da arbeitet World Rugby auch wirklich mit Top-Leuten zusammen. Und da sind mehrere Verbände eben auch daran beteiligt. Das ist jetzt nicht nur World Rugby alleine, sondern die gucken auch über den Tellerrand und gucken, was machen andere Verbände gut. Und diese Tests werden eben auch immer angepasst, damit man wirklich auch bestmöglich Gehirnerschütterung identifizieren kann.
25:14 Und letztendlich muss man sich das so vorstellen, dass der Spieler reinkommt, setzt sich hin, muss einen bestimmten Fragenkatalog beantworten. Danach müssen gewisse Tests durchlaufen werden. Das sind einmal Tests, bei denen man sich Wörter merken muss. Da muss man sich Zahlen merken, muss man Zahlenreihen sich merken, muss man Zahlenrückwärts zum Beispiel auch sagen. Da muss man auf dem Bein balancieren. Da muss man mit geschlossenen Augen balancieren und auf einer Linie laufen. Das sind diverse Tests, die ausschließlich dazu dienen sollen, den Spieler diesen Test nicht bestehen zu lassen. Also das ist so, dass man eben wirklich, alle, die das durchführen, wenn der Spieler einmal runtergenommen wird, dann muss er wirklich fast perfekt sein, um wieder auf den Platz zu kommen.
26:04 Also er muss besser sein oder gleich sein wie seine Baseline, die in einem ausgeruhten Zustand vorher gemacht worden ist vor so einem großen Turnier. Und wenn er nur ansatzweise dann Symptome zeigt oder klinisch auffällig ist, dann wird er rausgenommen. Und wie geht dann die Behandlung weiter, beziehungsweise wie geht die Untersuchung weiter? Das ist ja nicht mit diesem Test getan, dass diese Gehirnerschütterung diagnostiziert wird. Was wird danach dann noch gemacht? Also wenn der Spieler jetzt zum Beispiel runtergenommen worden ist? Ja, also in Abhängigkeit, also danach läuft dann natürlich auch so ein spezielles Return-to-Play-Protokoll. Da ist es in Abhängigkeit dessen, wie schwer die ist, müssen sie natürlich erstmal Symptomfreiheit erlangen, um überhaupt in Frage zu kommen, dass sie wieder spielen können oder überhaupt in diesen Return-to-Play-Prozess eingehen.
26:56 Im Normalfall sind es dann 48 Stunden, wo die fast komplette Ruhe haben, also audiovisuelle Reize werden gemieden, Sportpause, um dann eben bei Symptomfreiheit einen graduellen also über langsames Laufen, dass die Herzfrequenz wieder erhöht wird, über dann ganz sportartspezifische Bewegungen und bis hinten dann zum Vollkontakt wieder eingegliedert werden. Also ich gehe davon aus, und das ist jetzt auch nur Mutmaßung, aber ich gehe davon aus, dass insbesondere bei so einer WM natürlich auch Neurologen in Japan zur Verfügung stehen, die dann entweder über MRTs oder ganz spezielle Testverfahren, die auch noch deutlich weiter gehen als diese Basistestung, Spieler entweder dann vollständig aus dem Turnier nehmen oder eben auch wieder dann für das Spiel oder für zukünftige Aufgaben dann wieder clearen, also auch wieder freigeben.
27:55 Also ich denke, da wird über diese Basistestung definitiv dann noch die Neurologen im Hintergrund stehen, die dann auch bei der Diagnosefindung bzw. bei der Versorgung dann auch dazu beitragen, dass die Spieler dann bestmöglich geschützt werden. Wie lange dauert es dann, bis ein Spieler dann wieder fit to play ist? Kann das schon sein, dass es bei einer leichten Gehirnerschütterung, dass er eventuell noch im Halbfinale jetzt zum Beispiel spielen kann? Oder wird ein Spieler, der eine Gehirnerschütterung hat, dann komplett aus dem Turnier gezogen? Nee, also es ist wirklich, das ist so individuell unterschiedlich. Man kann, normalerweise sind Gehirnerschütterungen in sieben bis zehn Tagen ausgeheilt und symptomfrei ausgeheilt.
28:40 Nun ist das eine leichte Gehirnerschütterung. Wenn man aber eine schwere Gehirnerschütterung hat, dann können solche Symptome auch mal Monate anhalten. Dann geht es von morgendlichen Kopfschmerzen über Konzentrationsstörungen, Einschlafstörungen, über zum Beispiel Verhaltensauffälligkeiten oder einfach Wesensveränderungen im Sinne von Gemütsschwankungen. Das sind alles Sachen, die bei einer schweren Gehirnerschüttung auch mal auftreten können. Und das ist insbesondere bei Kindern und Jugendlichen natürlich ganz gravierend, weil es natürlich auch zu einschränken im Schulalter oder auch in der Fähigkeit an der Schule teilzunehmen, dann auch sich auswirken kann. Also das ist letztendlich völlig unterschiedlich, wie lange Menschen brauchen oder das Individuum braucht, bis es wieder zurückkommt.
29:37 Also im Normalfall über 90 Prozent der Gehirnerschütterung heilen in sieben bis zehn Tagen aus. Das heißt auch, um die Frage zu beantworten, dass auch ein Spieler, der zum Beispiel am Wochenende eine Gehirnerschütterung erlitten hat, zehn bis 14 Tage später bei Beschwerdefreiheit wieder an einem Spiel teilnehmen darf. Ja, jetzt haben wir die ganze Zeit über Gehirnerschütterung gesprochen und jeder kann sich, jeder der das Wort Gehirnerschütterung hört, kann sich irgendetwas darunter vorstellen, dass es eine Kopfverletzung ist, dass das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen ist. Aber was passiert genau im Kopf bei einer Gehirnerschütterung? Ist es dann wirklich so, dass das Gehirn als nicht fest im Kopf sitzend, das sage ich jetzt aus Laien-Sicht, dass das dann tatsächlich erschüttert wird? Was passiert genau bei dieser Kopfverletzung, Gehirnerschütterung?
30:21 Also das ist sogar ziemlich gut beschrieben. Vielen Dank. Ja, denn man muss es ja nicht unnötig schwer machen. Das Problem an Gehirnerschütterung ist letztendlich, und das ist ja genau das, wo der große Trugschuss lang gelegen hat, ist, dass es nicht unbedingt ein direktes Trauma sein muss. Denn meistens ist es ja so, und genauso wie Sie so schön beschrieben haben, Und das Gehirn sitzt relativ locker. Also das Relativ ist wirklich sehr relativ, weil es eigentlich durch relativ straffe Hirnhäute und durch so eine Gehirnflüssigkeit, also den Liquor Cerebrospinals, an für sich wie so ein Puffer im Schädel liegt. Das Problem ist eben, und das sind die häufigste Art der Verletzung, ist, dass es durch indirekte Kraftübertragung, also zum Beispiel schnelles Abstoppen, dass das Gehirn im Kopf gegen den Schädelknochen prallen kann und dann aufgrund physikalischer Kräfte einmal vorne anschlägt und dann im schlimmsten Fall auch nochmal hinten anschlägt.
31:32 Das heißt, normalerweise oder häufig sind es eben so eine indirekte Kraftübertragung, die durch ein schnelles Abstoppen entstehen. Und was dann letztendlich im Gehirn dazu führt, dass Axone entweder gedehnt werden können, die können abknicken oder sogar abbrechen. Also Axone sind Nervenzellen oder Teile von Nervenzellen. Und was dann eben auch dazu führt, dass es chemische und biochemische Veränderungen gibt, die die Kommunikation zwischen den Zellen, den Austausch von Informationen zwischen den Zellen letztendlich auch schädigt. Also die Gehirnerschütterung ist eine traumatische Verletzung des Kopfes, also des Gehirns. Und wenn man das mal überlegt, jedes Hämatom oder jeder Blutabguss, oder jede Verletzung an anderen Körperteilen würde man auch ernst nehmen oder zum Beispiel ruhig stellen.
32:30 Wenn man eine Knöchelverletzung geht, man geht erst mal sieben bis zehn Tage an Krücken, dann macht man Teilbelastung, dann darf man wieder langsam anfangen zu laufen. Wenn man das mal nimmt und auf den Kopf überträgt, dann ist es letztendlich wirklich genau das Gleiche. Das Gehirn braucht auch Zeit, bis die Verletzungen sich wieder erholen können. Der Körper hat eine wahnsinnige Fähigkeit, Verletzungen zu regenerieren oder sich von Verletzungen zu regenerieren und eben auch Verletzungen zu reparieren. Wenn man sich das immer vor Augen hält, dass das Gehirn unterschiedliche Areale hat, die unterschiedliche Funktionen im Körper auslösen, dann ist es auch verständlich, dass das Gehirnerschütterung nicht ein Krankheitsbild darstellt.
33:12 Und das ist auch, glaube ich, das, wo die Hauptherausforderung ist. Um mal wieder zum Knöchel zu gehen, wenn der Knöchel umknickt, wird er dick, wird er schwillt der Hand und dann weiß man ganz genau, okay, das Band ist wahrscheinlich verletzt. Wenn man sich den Kopf aber anstößt, dann kann man von motorischen Einschränkungen, über kognitive Einschränkungen zu, wie gesagt, Wesensveränderungen so viele unterschiedliche Symptome haben, dass es eben so ein bisschen schwierig war zu greifen. Mittlerweile ist es aber wirklich so, dass man deutlich besser weiß, dass Gehirnerschütterungen unterschiedliche Symptome auslösen können und dass man sie aber alle ernst nehmen muss. Und das ist letztendlich auch eine der Key Messages, die ich immer versuche bei unseren Fortbildungen zu geben, ist, dass man jedes Symptom ernst nehmen muss.
33:56 Und wenn man sich das einmal auch im Hinterkopf eingespeichert hat, dass man Gehirnerschütterung eben als diese traumatische Hirnverletzung auch ansehen muss, die aber wirklich auch zu hohen Prozentzahlen völlig ohne Komplikationen und völlig ohne Überbleibsel ausheilt, dann kann man mit dem Krankheitsbild auch deutlich besser umgehen und kann eben auch ein bisschen Ängste nehmen, finde ich. Und ich glaube, das ist auch ganz wichtig, denn ich sage auch ganz ehrlich, ich finde es sehr gut und wichtig, dass wir so viel über diese Verletzung sprechen. Was wir dabei aber auch tun, ist, dass wir viel Angst schüren. Und das ist auch ein Problem, was andere Sportarten sicherlich auch haben. Also der Fußball zum Beispiel fängt jetzt auch an sich Gehirnerschütterung anzugucken.
34:43 Und die werden auch sehen, dass Kopfbälle im Kinder- und Jugendalter, die dazu führen, dass das Gehirn die ganze Zeit schüttelt und insbesondere bei Heranwachsenden zu einem Problem werden kann. Die werden auch damit erstmal Angst auslösen. Aber wenn man das Krankheitsbild einmal verstanden hat und damit umzugehen weiß und eben auch die richtigen Konsequenzen aus der Diagnose Gehirnerschütterung nimmt, also sprich rausnehmen bis zur Beschwerdefreiheit, dann nimmt es ein bisschen an der Angst, hoffe ich, und eben auch an der Angst der Eltern, ihre Kinder überhaupt zum Sport zu bringen. Und ich glaube, das ist auch ganz wichtig, dass wir das schaffen, indem wir weiterhin gucken, was können wir tun, um diese Verletzung zu beheben und letztendlich was können wir machen, damit dieser Sport sicher bleibt. Das ist ein Großteil der Arbeit, die wir vor uns haben.
35:39 Sie sagen es ja, das ernst zu nehmen. Wir haben bis tief in die 90er bzw. in die Nullerjahre beim American Football noch die gängige Floskel gehabt, he rung his bell, wenn es einen harten Head gegeben hat. Es war eine Bagatellverletzung, wenn man eine Kopfverletzung hatte. Beim Fußball, Christoph Kramer im WM-Finale 2014, der den Schiedsrichter gefragt hat, ist das hier das WM-Finale, ich muss das wissen, der erst ein paar Minuten später rausgenommen worden ist, weil im Fußball tatsächlich dann auch… Ist der überhaupt rausgenommen worden? Doch, der musste nach 13 Minuten, glaube ich, runter dann. Ehrlich? Ja, und jetzt gerade ist die Australian Roots Football League in Verruf gekommen, weil auch sie harte Hits immer sehr gefeiert hat und dann auch gesagt hat, hier, wir kennen kaum Gnade, beziehungsweise wir kennen diese harten Verletzungen gar nicht, das sind alles harte Jungs.
36:31 Wann hat das bei World Rugby, beziehungsweise im Rugby-Sport angefangen? weil ich höre hier heraus, dass das Thema jetzt wirklich seit einigen Jahren sehr ernst genommen wird. Wann hat bei World Rugby dieses Denken eingesetzt, wir müssen was tun, weil diese Gehirnerschütterungsgeschichte oder diese Kopfverletzungen sind ein ernstes Problem? Also ich, das ist auch eine sehr gute Frage. Und zwar, die Antwort ist relativ leicht, denke ich, für mich. World Rugby hat früher erkannt, was in anderen Kontaktsportarten eben zu einem großen Problem geworden ist. Und zwar haben sie es ganz klar in Richtung Amerika auch geguckt und gesehen, alles klar, die NFL ist auch ein Kontaktsport und die hat ein riesengroßes Problem.
37:17 Und was man World Rugby eben sehr zugute halten muss, ist, dass sie es von Anfang an ernst genommen haben. Denn seit, also ich glaube, was wirklich Was heißt ich glaube? Was wir sehen im Rugby ist eine realistische Darstellung der Gefahren einer Kontaktsportart. Ich glaube nicht, dass im Profibereich. Ich glaube, und das ist ganz wichtig, die Dunkelziffer der Gehirnerschütterung, die wir im Alltag auch erleiden, ist deutlich höher als das, wovon wir ausgehen. Also ich glaube, die Dunkelziffer, und das spreche ich jetzt nicht nur vom Rugby, und ich spreche jetzt nicht nur vom Sport, sondern die Dunkelziffer, die beim Spielen, die bei Alltagsaktivitäten, die bei Verletzungen im Alltag, wie zum Beispiel einem Motorradunfall, einem Autounfall, das sind ja alles potenzielle Mechanismen, die man sich auch einer Gehirnerschütterung zuziehen kann.
38:20 Das wird massivst unterschätzt in meinen Augen. Es gibt einige Zentren in Deutschland, die sich da auch eben damit auch stark befassen, Gehirnerschütterung im Kinderalter und so weiter. Und das hat World Rugby wirklich wahnsinnig früh erkannt. Und deshalb haben sie auch früh angefangen, diese Daten zu erheben. Und was letztendlich vor 10, 15 Jahren hat passiert, ist, dass die Menge an Gehirnerschütterung in die Luft geschnellt ist. Und man sieht aber auch, dass die Anzahl an Gehirnerschütterung in den letzten Jahren sich relativ konstant in den Top-League gehalten hat. Und es liegt primär daran, dass es in meinen Augen und auch in den Augen von vielen und von World Rugby eine realistischere Darstellung, der Rat an Gehirnerschütterung seit fast oder seit über einer Dekade jetzt im Top Rugby gibt.
39:08 Und man eben alles tut, das Erkennen und auch die Information über die Gehirnerschütterung weiterhin zu verbessern, damit man diese Zahl nicht steigen lässt, sondern noch reduzieren kann. Also World Rugby muss man wirklich den Lob da aussprechen. Sie haben früh erkannt, dass man was dagegen tun muss. Das war zum einen, wir müssen erst erkennen, wo das Problem ist. Im nächsten Schritt muss man gucken, wie kann man es verändern und wie kann man es verbessern. Das haben sie über Regel und zwar harte Regeländerungen gemacht. Also man sieht ja auch bei dieser WM, das haben sie das erste Mal bei der U20 getestet. Also ganz klare, harte Regeländerungen, was zum Beispiel Kollisionen mit dem Kopf angeht.
39:50 Also man hat ja auch wahrscheinlich das bekannteste Beispiel ist der Argentinier. der mit Owen Farrell einen Schulterkontakt zum Kopf hat und sofort mit Rot vom Platz gestellt worden. Also die Menge an roten Karten zum Beispiel ist bei dieser WM auch deutlich erhöht. Das liegt primär daran, dass der Schutz der Spieler im Vordergrund steht. Also Player Welfare, großes Thema bei World Rugby, ist Nummer eins Prämisse. Also die Gesundheit des Spielers steht über dem Spektakel. Und nur über Regeländerungen im zweiten Schritt entstehen dann eben auch Verhaltensänderungen. Also wenn man es nicht schafft, durch härtere Sanktionen seine Tackle-Technik zu verändern, also der Lavagnini, der wird sein Leben lang jetzt nicht mehr so hoch tacklen.
40:40 Das sind dann ganz klar die definierten Schritte. Problem erkennen. Lösung war erstmal harte Sanktionen und dann im dritten Schritt eine Verhaltensänderung und dann im vierten Schritt dann auch eine Verbesserung oder eine Optimierung der Spielersicherheit während dem Spiel zu haben. Gibt es noch Dinge, die World Rugby aus Ihrer Sicht verbessern kann, um dann auch solche Gefahren von Kopfverletzungen zu minimieren, um das noch härter zu unterbinden? Sie haben schon gerade gesagt, Die High Tackles werden sehr stark sanktioniert. Gibt es noch andere Formen des Spiels beziehungsweise Spielsituationen, wo Sie sagen, da müssen wir noch mal ran? Passiert beim Gedränge etwas? Also ich musste kurz drüber nachdenken, weil eben in vielen Bereichen gearbeitet wird.
41:42 Also der Kontakt in der Luft ist rausgenommen worden, weil die Gefahr eben erkannt worden ist, dass wenn man in der Luft eine Kollision hat, dann hat man ein deutlich erhöhtes Risiko, falsch zu fallen. Damit steigt natürlich auch die Gefahr von Erhaltsverletzung. Die ist massiv geahnet worden. Gedränge wurden verändert, weil man gesehen hat, Und weil man insbesondere Südafrika hatte relativ viele schwere Halsverletzungen, daraufhin haben sie ihre Gedränge ein bisschen verändert oder haben es angeregt, dass man Gedränge verändert. Und seitdem sind die katastrophalen Halsverletzungen deutlich und signifikant verändert worden. Also die Universität in Barth, die Franzosen, die machen viel Diagnostik mit Gedrängemaschinen, die speziell dafür gebaut werden, um zu gucken, wie kann man den Impact oder überhaupt die Kräfte, die da auf dem Körl wirken, so minimieren, dass es zwar noch ein Spektakel, also sprich etwas ist, was den Sport nicht komplett seine Essenz nimmt, sondern dass es weiterhin die Spielersicherheit im Vorbeirut steht.
42:49 Die Tackle-Situation wurde angegangen. Das heißt, man hat geguckt, ob man einen Tackle tiefer machen sollte. Das hat nicht funktioniert. Also um die Frage von vorne nochmal aufzurollen, wir müssen immer weiter arbeiten, um das Spiel so sicherlich möglich zu haben. Und um den zweiten Teil der Frage zu beantworten, ich sehe gerade keinen Bereich, den World Rugby nicht irgendwie auch anguckt. Also das ist wirklich spannend. Also die machen viel und die machen auch gute Arbeit. Man muss eben manchmal Sachen versuchen und sagen, ja, ist Blödsinn, funktioniert nicht, kann man nicht einführen. Manchmal sogar auf niederklassigem Spielniveau, um erstmal zu gucken, ob man sowas vielleicht auch in Hochklassigen einführen kann.
43:43 Also die Franzosen machen ja gerade auch ganz viel, dass man nicht mehr mit dem Kopf führen kann, zum Beispiel in Kontakt. Also es gibt ganz viele Sachen, die passieren gerade, um eben das Spiel so sicher wie möglich zu halten. Also ich glaube, es gibt keinen Bereich, der mir jetzt einfällt, wo ich sagen würde, boah, da haben sie einen richtigen Blindspot, also da haben sie einen richtig blinden Fleck gehabt, den haben sie total übersehen. So was ich übersehen kann und was so die letzten Forschungsergebnisse sind, da wird wirklich in ganz vielen Bereichen sehr gute Arbeit geleistet und auch wirklich von Top-Instituten, muss man sagen, mit denen man zusammenarbeitet. Also wenn man Fußball anschaut, hat man immer noch ein bisschen das Gefühl, dass die Gefahr von Gehirnerschütterung etwas bagatellisiert werden. Beim Rugby besteht dieses Gefühl demnach dann nicht mehr.
44:28 Also ich möchte nicht auf andere Sportarten zeigen. Ich fand es aber beeindruckend, dass die Premier League in England, also die EPL, jetzt erst anfängt, Gehirnerschütterungsdaten zu erheben. Das fand ich echt spannend. Also das ist ja ein Milliardenunternehmen. Und die guckt sich jetzt erst an, was mit den Köpfen von ihren Spielern ist. Da sind wir, wir haben, also im Rugby ist nicht so viel Geld und es geht ja letztendlich immer irgendwie darum, die Spieler, unsere Topspieler auf dem Platz zu halten, weil das sind auch die Leute, das sind auch die, die die Fans ziehen, das sind die, die man sehen möchte, ja, und wenn die sich verletzen, ist natürlich eine Katastrophe auch für die einzelnen Vereine.
45:19 Bei uns ist das nicht ganz so, bei uns stand von Anfang an, also bei uns ist das, kommt der Grund, warum ich mit dem Geld angefangen habe. Bei uns war das eben von Anfang an nicht der Fall, dass wir so auf diese Komodität Geld gucken mussten. Bei uns stand eben von Anfang an im Vordergrund, dass die Spielergesundheit unser A und O ist, weil wir eben auch unsere Topspieler auf dem Platz haben müssen, damit eben auch die besten Spieler immer auch dazu beitragen, dass es ein Spektakel bleibt. Und nicht nur für sie, Also nicht nur für den Zuschauer, sondern auch, wir wollen ja, dass unsere Besten gesund sind und unsere Besten eben auch den Sport ausüben können, den wir lieben. Und da war frühzeitig klar, man muss sich angucken, was man für Verletzungen hat.
46:03 Und da diese Kopfverletzungen eben einen großen Teil dazu beigetragen haben, dass viele gesagt haben, Rugby ist nicht mehr sicher, musste man sich das frühzeitig eben auch anhören und darauf reagieren. Und deshalb war das eben von Anfang an so ein Fokus bei uns, denke ich. Abschließend nochmal, ich habe es gerade nochmal nachgeguckt, Christoph Kramer wurde in der 31. Minute ausgewechselt. Habe ich ehrlich gesagt auch nochmal geguckt. Colin Zaner. Ich hatte nämlich gedacht, der hat durchgegangen. Aber ich meine, auch der Liverpool-Torwart. Wenn man sich das anguckt, wenn man sich das nochmal anguckt, im Champions-Trip-Finale passiert es ihm, da läuft ihm einer. Und wenn man sich die Situation anguckt, ist das wirklich spannend.
46:42 Der kriegt eine Beschleunigung von der einen Seite, weil er einen Kontakt hat mit einem gegnerischen Spieler. Kopf wird auf die andere Seite beschleunigt. und wenn man sich die Gegentore anguckt, dann ist es die Gegenseite, die er nicht richtig wahrnimmt. Das ist echt abgefahren. Man kann natürlich viel reininterpretieren in so einer Situation im Nachhinein. Aber wenn man mit dem Auge immer guckt, okay, der könnte eine Gehirnerschützung und ich bin nicht sicher, dass er eine hatte. Aber wenn man sich das so anguckt und den Mechanismus eben hat und wenn da auch beim Fußball jemand sitzen würde, der sagt, pass mal auf, der hat eine, wer weiß, ob Liverpool das Spiel verloren hätte. Das ist unwichtig, das geht um die auch, aber es ist einfach so spannend auch zu gucken, okay Mensch, da war ein Trauma, ganz klarer, eindeutiger Kopfeinschlag, ja, der wurde so beschleunigt, dass eben auch da was dazu kommen könnte.
47:31 Und wenn man sich dann die Gegentore anguckt, ja, dann weiß man, dann kann man auch sagen, okay, der war einfach, vielleicht war das der Hauptgrund dafür. Also es ist spannend und ich denke, das ist schon gut, dass wir dem Rugby so genau hingucken. Ich würde mir natürlich wünschen, dass das irgendwann mal flächendeckend auch für den Amateursport so ist, weil ich denke, da ist auch noch ein gewisser Grad an Aufklärung und auch notwendig. Daran arbeiten wir aber auch, dass wir da so viele Informationen wie möglich auch über Trainerfortbildung und auch im Rahmen des medizinischen Coachings reintragen. Aber ich denke, an der Spitze machen wir schon, was zumindest Gehirnerschütterung angeht, einen sehr, sehr guten Job.
48:08 Herr Janner, vielen, vielen Dank für Ihren sehr interessanten Einblick da in die Welt der Verletzungen beim Rugby und vor allen Dingen in die Kopfverletzungen. Vielen Dank für das Interesse. Danke, dass ich Ihnen sprechen durfte. Das ist super. Und ich hoffe, dass man zumindest auch ein bisschen zeigen konnte, dass wir wirklich versuchen, die Sportart so sicher wie möglich zu halten für alle. Und ich hoffe, dass das Interesse weiterhin geweckt werden konnte durch diese tolle Sportart, weil auch das hatte ich ja versucht, Anfang kurz zu sagen, ich denke, die Vorteile einer Mannschaftssportart wie dem Rugby, die überwiegen die Gefahren, die man insbesondere im Schüler-, Jugend- und Amateurbereich dann hat.
48:51 Also es ist wichtig, dass wir da, dass wir weiterhin kundig in so einem Format auch mal die Möglichkeit besteht, darüber zu sprechen. Und dafür kann ich mich wirklich nur bedanken. Das war Colin Janna, Head of Physical Performance des Deutschen Rugbyverbandes zum Thema Verletzungen im Rugby und vor allen Dingen Kopfverletzungen im Rugby. Brian Jones, Gründer der Rolling Stones, liegt tot in seinem Swimmingpool. Offiziell ist es ein Unglücksfall, doch dann tauchen Zweifel auf. Neue Aussagen, ein Mordverdacht und Jahrzehnte später sogar ein angebliches Geständnis. Plötzlich scheint klar zu sein, was in dieser Nacht passiert ist. Nur gibt es da ein Problem. Je genauer die Geschichte wird, desto weniger lässt sich davon wirklich beweisen.
49:34 Brian Jones, die Wahrheit versinkt im Pool jetzt bei Tatort Musik überall, wo es Podcasts gibt. Der Podcast zur Rugby-WM in Japan. Andreas Thies liefert dir mit den Experten unseres Rugby-Talks Vorpass. Ja, das stimmt. Alles rund um das Rugby-Event des Jahres. Wird Neuseeland zum dritten Mal hintereinander Weltmeister? Wer kann die All Blacks gefährden? Und kann Gastgeber Japan auf 2019 überraschen? Sei dabei, wenn Vivian Ballmann, Donal Peoples und Georg Molz die Rugby-WM für dich analysieren.