Susanne Wiedemann, die das Frauenrugby auf den Weg nach Olympia brachte
Susanne Wiedemann wurde mit dem FC St. Pauli Meisterin und spielte zwei Weltmeisterschaften. Als Nationaltrainerin holte sie die ersten Rugbyspielerinnen in die Sportförderung der Bundeswehr. Unser Porträt erzählt, wie weit dieser Weg trug.

Im März 1989 trainieren beim FC St. Pauli zum ersten Mal Frauen mit dem ovalen Ball. Der Abteilungsleiter hat sie bei der Bereitschaftspolizei und im Freundes- und Familienkreis seiner Spieler angeworben, so steht es in der Vereinschronik. Sechs Jahre später schlägt diese Mannschaft im Endspiel um die deutsche Meisterschaft den Rekordmeister SC Neuenheim. Auf dem Siegerfoto von 1995 ist Susanne Wiedemann zu sehen. Sie fährt danach zweimal mit Deutschland zur Weltmeisterschaft, wird Nationaltrainerin und sorgt dafür, dass die ersten Rugbyspielerinnen als Sportsoldatinnen der Bundeswehr trainieren können. An ihrer Laufbahn lässt sich ablesen, wie das Frauenrugby in Deutschland vom Vereinsprojekt zum Leistungssport werden wollte und wo dieser Weg an Grenzen stieß. Wie alles anfing, erzählt unsere Geschichte des Frauenrugby.
Meisterin mit St. Pauli
Wiedemann, Jahrgang 1969, spielt in den Neunzigern in einer Mannschaft, die zusammengewachsen ist, ohne dass jemand an Titel gedacht hätte. Trainer ist von 1989 bis 1999 Ralph Paukstat. Acht Spielerinnen aus dem Endspielteam von 1995 waren laut Verein schon beim allerersten Training dabei. Für den FC St. Pauli ist es der erste deutsche Meistertitel überhaupt, in welcher Sportart auch immer, schreibt die Rugbyabteilung heute.
Danach wird es zäh. Von 1996 bis 1999 stehen die Hamburgerinnen viermal im Finale gegen Neuenheim und verlieren jedes Mal. Erst 2000 kippt das Kräfteverhältnis. Im Endspiel in Heidelberg legt St. Pauli sieben Versuche und gewinnt 39:3, Wiedemann kommt von der Bank. 2005 steht sie beim 15:0 gegen Neuenheim an der Kollaustraße als Innendreiviertel in der Startformation, 2006 folgt der nächste Titel. Der Deutsche Verband für Modernen Fünfkampf, für den sie später arbeitet, nennt sie eine mehrfache deutsche Meisterin.
Zwei Weltmeisterschaften
1998 fährt Deutschland zur ersten Frauen-WM seiner Geschichte nach Amsterdam. Wiedemann gehört zum Kader, World Rugby führt sie dort unter der Schreibweise „Weidemann“. Zum Auftakt am 2. Mai wartet Neuseeland und gewinnt 134:6. Es folgen ein 5:34 gegen Italien und ein 12:55 gegen Wales. Am 12. Mai schlägt Deutschland Schweden mit 20:18, der einzige Sieg des Turniers. Nach einem 3:67 gegen die Gastgeberinnen steht Platz 14.
Vier Jahre später in Barcelona ist sie wieder dabei, jetzt unter Bundestrainer Jens Michau. Die Ergebnisse lauten 0:117 gegen Neuseeland, 0:77 gegen Wales und 0:18 gegen Irland. Gegen die Niederlande fehlt beim 19:20 ein einziger Punkt zum Sieg. Die Zahlen erklären sich aus dem Alter des Projekts. Zwischen dem ersten Training in Hamburg und dem Spiel gegen die Black Ferns lagen neun Jahre, die Frauen-Bundesliga gab es erst seit der Saison 1992/93.
Vom Spielfeld an die Seitenlinie
Wiedemann ist Sportwissenschaftlerin und Diplom-Trainerin. Spätestens 2008 trainiert sie die 7er-Nationalmannschaft der Frauen, zeitweise auch die 15er-Auswahl, die im März 2010 Lofty Stevenson übernimmt. Im Sommer 2009 richtet Hannover die 7er-Europameisterschaft aus, und Deutschland ist gerade erst aus der Division A aufgestiegen. In der Gruppe schlägt Wiedemanns Team Italien mit 14:0, Russland mit 12:10 und Moldau mit 24:7. Im Halbfinale ist England mit 44:0 zu stark, das Spiel um Platz drei gegen die Niederlande geht 10:35 verloren. Am Ende steht Platz vier, vor Frankreich, Russland und Italien. Im Kader steht auch Ninja Duri, eine der Spielerinnen, mit denen Wiedemann in Hamburg Meisterin geworden war.
Drei Monate später nimmt das IOC das 7er-Rugby ins Programm der Spiele 2016 auf. Damit ändert sich die Rechnung. Wer im 7er-Rugby olympisch werden will, braucht Spielerinnen, die täglich trainieren können, und dafür fehlt im deutschen Rugby das Geld.
Sportsoldatinnen und eine Akademie
Wiedemann findet einen Weg über die Sportförderung des Bundes. Nach dem Bericht der früheren Nationalspielerin Vivian Bahlmann bei Scrum Queens überzeugt sie den Rugby-Verband, den Deutschen Olympischen Sportbund und die Bundeswehr davon, dass die 7er-Frauen Plätze als Sportsoldatinnen verdienen. Die ersten vier sind Jenny Naruhn, Svetlana Hess, Tilla Dier und Lisa Kropp. Im Juni 2011 spricht Wiedemann bereits über die Freiräume, die die Sportfördergruppe ihren Spielerinnen schafft. 2013 sind es acht Verträge. Trainiert wird am Olympiastützpunkt Rheinland in Köln, mit täglichen Einheiten, zwei Athletiktrainern, Ernährungsberatung und ärztlicher Betreuung. Eine deutsche Rugbymannschaft hatte so etwas vorher nicht.
Daneben baut sie die german women's 7s rugby academy auf und sichtet abseits der Hochburgen. Einen Lehrgang 2011 legt sie bewusst nach Rottweil, um nach eigenen Worten im Interview mit TotalRugby ein Zeichen zu setzen, „dass Rugby eben nicht nur in Heidelberg existiert“. Spielerinnen aus Göttingen und Gießen kommen so in den Kader. Wie knapp das Geld bleibt, zeigt eine Reise zum Turnier in Las Vegas im Februar 2012. Zehn Tage kosten rund 30.000 Euro, einen Teil zahlen die Spielerinnen selbst, den Rest decken Sponsoren und Spenden. Ihr Anspruch ist trotzdem groß. „Wir haben die einmalige Chance, Deutschland als Rugbynation neu zu definieren“, sagt sie damals TotalRugby.
Das Ende des Projekts Rio
Die Ergebnisse halten nicht Schritt. Nach 2012 schafft es die Mannschaft bei keiner Europameisterschaft mehr unter die besten acht. Im August 2014 meldet der Verband, dass Wiedemann sich bis auf Weiteres nur noch um den weiblichen Nachwuchs kümmert. Mädchen sollten einen geregelten Spielbetrieb in ihren Altersklassen bekommen, fordert sie in derselben Mitteilung. Vor der letzten Saison der Olympia-Qualifikation gibt sie ihr Amt als Nationaltrainerin ab, nach sieben Jahren. Unter dem Australier Michael Hooke steigen die Frauen 2015 aus der Top-Gruppe Europas ab, die Sportsoldatinnen verlieren ihre Verträge, Rio findet ohne Deutschland statt.
Was von ihr bleibt
Am deutlichsten sichtbar ist ihre Nachwuchsarbeit. Über Jahre hatte Wiedemann Lehrgänge und Turniere für die U14, U16 und U18 organisiert, dazu Länderspiele gegen die niederländische Entwicklungsauswahl. Mit genau diesen Mädchen holt ihr Nachfolger Melvine Smith 2015 bei der zweiten U18-Europameisterschaft im 7er-Rugby Platz drei, verloren wird nur gegen Europameister England. Steffi Gruber, 2013 eine der Vertragsspielerinnen in Köln, führt 2017 die 7er-Nationalmannschaft als Kapitänin an.
Den geregelten Spielbetrieb für Mädchen, den sie 2014 verlangte, gibt es heute. Am 16. Mai 2026 endete die Saison der Mädchenliga mit der deutschen 7er-Meisterschaft der U15 und U18 beim RK 03 Berlin. Die U18 gewann der Wiedenbrücker TV, die U15 die SG Heidelberg. Die Medaillen überreichten Christa Jakobtorweihen und Vanessa Edwards, die 1989 das erste Länderspiel gegen Schweden bestritten hatten.
Wiedemann selbst ist dem Leistungssport treu geblieben. 2017 wurde sie Sportdirektorin im Verband für Modernen Fünfkampf, heute begleitet sie an der Trainerakademie Köln angehende Trainerinnen und Trainer. Im Podcast der Akademie sprach sie im September 2025 darüber, warum es im Spitzensport so wenige Trainerinnen gibt. Mehr Trainerinnen hatte sich 2017 auch Suse Wordaz gewünscht, die 1989 im ersten Länderspiel stand, im Gespräch mit dem Förderverein für Frauenrugby. An der Trainerakademie arbeitet Wiedemann heute genau daran.
Quellen
- FC St. Pauli Rugby · Die Geschichte des Rugby im FC St. Pauli ↗
- FC St. Pauli Rugby · 1995 – St. Pauli wird deutscher Meister! ↗
- Wikipedia (nach World Rugby) · 1998 Women's Rugby World Cup squads ↗
- Wikipedia (nach World Rugby) · 2002 Women's Rugby World Cup squads ↗
- Deutscher Verband für Modernen Fünfkampf · Susanne Wiedemann wird Sportdirektorin im DVMF ↗
- Wikipedia · 2009 FIRA-AER Women's Sevens ↗
- TotalRugby · 7er-EM in Bukarest: Interview mit Susanne Wiedemann ↗
- TotalRugby · Nationaltrainerin Susanne Wiedemann: 'Wir wollen uns international Respekt verschaffen' ↗
- TotalRugby (DRV-Pressemitteilung) · Nationaltrainerin Susanne Wiedemann bereitet weibliche U18 auf Europameisterschaft vor ↗
- Scrum Queens (Vivian Bahlmann) · Women's Rugby in Germany: The national team ↗
- Verein zur Förderung des deutschen Frauenrugby · Mädchenrugbyfestival in Berlin ↗
- Verein zur Förderung des deutschen Frauenrugby · „Ich liebe das Gedränge“ Suse Wordaz im Porträt ↗
Dieser Text wurde mit Hilfe von KI erstellt.
